Der Mensch und seine Bindung an Gott

- 137 - Aber auch hier gibt es schon eine Einschränkung. Die zeitliche Länge, für die eine berechnete Voraussage zutrifft, hängt davon ab, wie genau man die Anfangsbedingungen kannte, welche der Rechnung zugrunde gelegt wurden. Da es jedoch prinzipiell unmöglich ist, den Ausgangszustand eines abgeschlossenen physikalischen Systems mit beliebiger oder gar absoluter Genauigkeit festzustellen, kann man auch über das Schicksal des Systems in sehr fernen Zeiten nichts Absolutes aussagen. Die absolute Determiniertheit makrophysikalischer Systeme ist daher als ein Idealzustand anzusehen, der in der Praxis in den beobachtbaren Zeiträumen zwar meist mit guter Annäherung festgestellt werden kann (z. B. in der Astronomie), der aber tatsächlich nicht besteht. Prof. Max Born (1882 - 1970, Nobelpreis für Physik 1954) umschreibt diesen Sachverhalt mit folgenden Worten (10, S. 109): "Die übliche Behauptung, daß die klassische Mechanik deterministisch sei, ist also unrichtig. .... Wie es kommt, daß dieses falsche Ideal sich so fest in den Köpfen eingewurzelt hat, auch in denen der vorzüglichsten Forscher, ist kein physikalisches Problem, sondern ein psychologisches, das vielleicht aus der Entwicklung des physikalischen Weltbildes seit Newton verstanden werden kann." Auch einfach gebaute makrophysikalische, sogenannte nichtlineare Systeme können, obwohl den mechanischen Bewegungsgesetzen gehorchend, unter bestimmten Bedingungen sehr schnell nicht mehr vorausberechenbar werden. Man spricht dann von einem "deterministischen Chaos" und bezeichnet die zugehörige Forschung als "Chaosforschung". Ein deterministisches Chaos tritt beispielsweise bei einem physikalischen Schwerependel auf, wenn es zu erzwungenen Schwingungen angeregt und dabei die Schwingungsamplitude größer als | ± 180° | wird. Dann treten nämlich Überschläge auf, d. h. das Pendel kehrt seine Bewegungsrichtung am Kulminationspunkt nicht um, sondern kippt auf der entgegengesetzten Seite herunter. Die Schwingung wird dann wegen des von außen anregenden streng periodischen Drehmomentes irregulär, chaotisch und nicht mehr vorausbe-rechenbar. Völlig unberechenbar sind über größere Zeiträume auch die sogenannten turbulenten (wirbelbehafteten) Strömungsvorgänge. Dazu gehört beispielsweise das Wetter. Die Chaosforschung zeigt, daß wir grundsätzlich nicht in der Lage sind, verwickelte nichtlineare physikalische und nichtphysikalische Vorgänge wie z. B. das Wetter oder das menschliche Leben in ihren Folgen abzuschätzen und auch nicht in jeder Einzelheit zu berechnen oder zu planen. Mit strengen mathematischen Formeln läßt sich die Wirklichkeit nicht absolut vorherbestimmen. Das menschliche Leben und das Leben der Völker kann eine ungeahnte Antriebkraft entwickeln, so daß man immer mit dem Unvorhersehbaren rechnen muß. Wenn nun schon der Determiniertheit makrophysikalischer Vorgänge gewisse Grenzen gesetzt sind, so trifft dies in noch viel stärkerem Maße für alle mikrophysikalischen Vorgänge zu, bei denen nur wenige oder nur ein Atom beteiligt sind. Ein Atom kann auf die gleiche Einwirkung von Fall zu Fall verschieden reagieren, ohne daß wir die Möglichkeit haben, für den Einzelfall exakt vorauszusagen, wie es sich das nächste Mal verhalten wird. Wir sprechen in diesem Fall von "Akausalität" oder "Undeterminiertheit". Das bedeutet aber nicht, daß für derartige Vorgänge überhaupt keine Gesetze gelten. Sie sind nur statistischer Art, machen also für den Einzelfall keine eindeutige Aussage oder Vorhersage, sondern geben einen Endzustand nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit an. Erst den Ausgang einer Vielzahl von Versuchen beim gleichen Experiment kann man zahlenmäßig hinreichend genau festlegen. Andererseits kann man bei einer großen Anzahl gleichartiger Atome, die alle der gleichen Einwirkung unterworfen werden, das Gesamtergebnis ihrer Reaktionen aufgrund statistischer Naturgesetze wiederum mit hinreichender Genauigkeit vorausberechnen. Für große Körper also, die aus zahlreichen Einzelatomen bestehen, ergeben sich aus den statistischen atomphysikalischen Gesetzen wieder die eindeutigen Gesetze der Makrophysik, die unter den Kausalitätsbegriff fallen. Man hat nun immer versucht, und jeder Mensch versucht es täglich, das Kausalitätsprinzip auch außerhalb der Physik anzuwenden. Das gelingt nicht immer sehr befriedigend, weil der Anfangs-zustand, der ja den in der Zukunft liegenden Endzustand determinieren soll, nicht immer mit genügender Genauigkeit bekannt ist. Aber prinzipiell, so meinen manche Autoren, soll der jetzige Zustand auch die fernere Zukunft in jeder Einzelheit zwangsläufig vorausbestimmen. Nach ihnen gibt es auch in der

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