Der Mensch und seine Bindung an Gott

- 197 - "Da drüben, auf dem anderen Ufer, steht von mir noch ein Sturmgeschütz16, das den Rückzug zu decken hat. Wenn das letzte Fahrzeug die Brücke passiert hat, soll auch das Sturmgeschütz herüberfahren. Nun steht an der Brücke ein Schild 'Tragfähigkeit 15 Tonnen'. Das Geschütz wiegt aber 18 Tonnen. Hält die Brücke das aus?" Der Pionieroffizier antwortete: "Die Tragfähigkeit beträgt 15 Tonnen." Der Oberst: "Ja, das steht da dran. Aber so eine Brücke ist doch immer auf Sicherheit gebaut. Was hält sie denn nun wirklich aus?" "15 Tonnen, Herr Oberst." Der Oberst: "Sie können mir doch nicht sagen, daß die Brücke genau bei 15 Tonnen zusammenbricht. Hält sie nun das Sturmgeschütz aus oder nicht?" Der Pionieroffizier: "Die Tragfähigkeit beträgt 15 Tonnen, nicht mehr." Der Oberst: "Ach, mit Ihnen kann man ja nicht reden", und wandte sich wütend ab. Nach einer Weile kam ein Leutnant zu dem Pionieroffizier und sprach ihn an: "Ich bin der Führer von dem Sturmgeschütz da drüben. Mein Oberst war ja schon hier und ist mit Ihnen nicht klargekommen. Vielleicht können wir uns von Kamerad zu Kamerad verständigen. Was hält die Brücke denn nun tatsächlich aus?" Der Pionieroffizier: "15 Tonnen." Der Leutnant: "Das haben Sie meinem Oberst ja auch bereits gesagt, aber ich dachte, Sie könnten bei mir etwas entgegenkommender sein." Der Pionieroffizier: "Die Tragfähigkeit beträgt 15 Tonnen. Etwas anderes kann ich Ihnen nicht sagen." Der Leutnant: "Ich sehe schon, wir werden uns auch nicht einig. Können Sie sich denn nicht in meine Lage da drüben versetzen?" Der Pionieroffizier: "Das kann ich sehr gut." Der Leutnant: "Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?" Der Pionieroffizier: "Na, darüberfahren! Was denn sonst?" Der Leutnant: "Das war es, was ich von Ihnen wissen wollte." (Tatsächlich hat die Brücke dann auch gehalten.) Nun war aber meine Frage an den ehemaligen Pionieroffizier: "Warum haben sie denen das nicht gleich gesagt?" Die Antwort lautete: "Dann hätte ich auch die Verantwortung getragen. Ich wußte doch selbst nicht, ob die stark beanspruchte Brücke das Sturmgeschütz trägt. Sie war ja gar nicht für derartige Kettenfahrzeuge gedacht. Wenn sie nun mitten im Fluß eingebrochen wäre? Dann hätte man mich zur Rechenschaft ziehen und womöglich vor ein Kriegsgericht stellen können. Dieser Gefahr wollte ich mich nicht aussetzen. Die Verantwortung sollten die tragen, welche über die Brücke fahren wollten." Solche Brücken an ein jenseitiges Ufer, in ein anderes Land, wollen die Religionen auf dieser Erde sein, insbesondere auch das Christentum mit seinen vielen Kirchen, Konfessionen und Sekten. Alle diese zahlreichen Gruppierungen nehmen für sich in Anspruch, daß ihre jeweilige Brücke mit Sicherheit an das andere Ufer führt und absolut tragfähig ist, wenn man nur den entsprechenden Brückenzoll bezahlt hat. Ja, sie garantieren meist noch, daß die Brücke der anderen nicht zum Ziel führt. Diese Haltung hat sich allerdings, zumindest bei den christlichen Großkirchen, in der letzten Zeit etwas abgeschwächt. So hat z. B. die römisch-katholische Kirche 1965 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil unter Papst Paul VI. den Kirchenbann aufgehoben, der 1054 unter Papst Leo IX. gegen den Patriarchen von Konstantinopel Michael Caerularius und die byzantinische Kirche verhängt worden war. Ein Grund dafür war neben politischen Motiven damals gewesen, daß Patriarch Michael den vom römischen Papst beanspruchten Primat nicht anerkannte, und den Gebrauch von ungesäuertem Brot beim römischen Ritus als häretisch ansah. 16 Das ist ein gepanzertes Kettenfahrzeug ohne drehbaren Turm, jedoch mit einer 7,5 cm Panzerkanone bestückt.

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