Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 24 – Carol wusste, sie musste jetzt von irgendwoher Hilfe holen. Sie ging auf den Balkon zurück, schwebte über die Brüstung und trieb langsam in den Garten hinab. 'Ich erinnere mich, dass ich dort ein Orangenbäumchen berührte und mit den Fingern fest einen grünen Zweig umklammerte.' Das nächste, an das sie sich noch erinnern konnte, war, dass sie daheim im Bett lag und in der Hand ein Zweiglein mit grünen Blättern von einem Orangenbaum hielt. In der Nähe ihres Hauses gab es keine Orangenbäume, und damit wusste sie: Was sie erlebt hatte, war kein Traum gewesen. 'Ich wusste genau, was ich zu tun hatte; ich rief die Ärztin Dr. Marion J. Dakin, eine gute Bekannte, an und sagte ihr, ich wüsste, dass meine Freundin, Miss Palmer, sehr krank sei, und sie möge doch bitte zu ihr gehen.' Dr. Dakin und ihre Sprechstundenhilfe, Unetta Morse, begaben sich sofort zu Miß Palmer. Sie klopften an und riefen laut nach ihr, erhielten aber keine Antwort. Sie rüttelten an allen Türen. Zum Glück hatte irgendwer vergessen, eine Seitentüre abzuschließen; sie traten ein und fanden die Kranke in bedrohlichem Zustand vor. Man brachte sie schnell ins Santa Monica Hospital, wo sie sofort von Dr. Earl Boehme unter Assistenz von Dr. Dakin operiert wurde. Man entfernte einen außergewöhnlich großen Gallenstein, der, wie man Miß Palmer später sagte, so unglücklich lag, dass er in Kürze die Wand des Gallenganges gesprengt hätte. Jaime Palmer bezeugte schriftlich: 'Von beiden Ärzten und den Schwestern des Krankenhauses weiß ich, ich wäre nicht am Leben geblieben, wenn man mich nicht auf der Stelle operiert hätte.' Sie fügte hinzu, Carol habe sie gerettet, und zwar genau so, wie es in dem Artikel dargestellt sei. Sie erinnerte sich, zu Beginn der Gallenblasenattacke noch gedacht zu haben: 'Ich möchte Carol jetzt keine Schwierigkeiten bereiten, aber ihre Hilfe käme mir doch sehr gelegen.' 'Wenn mein Erlebnis ein bloßer Traum war', fragte Miß Hales, 'wie kam ich dann zu den Blättern von dem Orangenbaum? Und wie erfuhr ich von Jaimes verzweifelter Notlage?'" Bei dem Kriminalbeamten Loose hatten wir den Fall vor uns, dass bei einer bestimmten Gelegenheit die Erlebnisse des ausgetretenen Astralleibes nicht in das Wachbewusstsein des materiellen Körpers gelangten, wobei letzterer während der Astralreise sich im Schlaf befand, also ohne Wachbewusstsein war. Auch bei dem vorangegangenen Beispiel der Carol Hales müssen wir annehmen, dass in ihrem zurückgelassenen materiellen Körper während des Austritt–Erlebnisses kein Wachbewusstsein vorhanden war. Es gibt andererseits jedoch Geschehnisse, bei denen der materielle Körper einer Person während des Austrittes seines Astralleibes, der sogar sichtbar wurde, bei vollem oder fast vollem Machtbewusstsein war. Beide Körper schienen unabhängig voneinander zu handeln. Einen sehr eindrucksvollen Fall dieser Art schildert der russische Staatsrat und Arzt Alexander Aksákow (5, Bd. II, S. 593 f). Es handelt sich um eine damals 32 Jahre alte Lehrerin für Französisch Emilie Sagée12, die im Jahre 1845 in einem Mädchenpensionat in Neuwelcke in der Nähe von Riga unterrichtete. Schon bald nach ihrem Dienstantritt beobachteten die Bewohner des Pensionates, dass die Lehrerin oftmals doppelt vorhanden war. Bei den Mahlzeiten stand z.B. bisweilen die zweite Gestalt, der Doppelgänger oder der ausgetretene und sichtbar gewordene 12 Der Name "Sagée" ist ein Pseudonym. In Wirklichkeit hieß die Dame "Fähnlein", wie aus einem Brief des damaligen Institutsleiters Heinrich Buch an den Bischof J. M. Nitschmann der Evangelischen Brüder–Unität in Berthelsdorf bei Herrenhut vom Mai 1846 hervorgeht. Heinrich Buch stand der Brüder–Unität nahe. In seinem Brief berichtet Heinrich Buch nicht ausführlich über die seltsamen Eigenschaften seiner Französischlehrerin, sondern erwähnt nur, daß sie eine Nervenkrankheit mit den wunderbarsten, nicht zu erklärenden psychologischen Erscheinungen gehabt habe. Anders als mit dieser verharmlosenden Beschreibung hätte er es einem evangelischen Bischof wohl auch kaum verdeutlichen können.

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