– 26 – welchem die Doppelgängerin dahinschwand, nahm das wirkliche Individuum an Kräften wieder zu. Sie selbst jedoch war des Phänomens sich total unbewusst; sie war zuerst nur aus dem Bericht anderer darüber benachrichtigt worden; und sie entdeckte es gewöhnlich aus den Blicken der anwesenden Personen. Sie sah niemals selbst die Erscheinung, noch auch schien sie die Art von apathischer Starrheit zu bemerken, welche sie überfiel, sobald die Erscheinung von anderen gesehen wurde." Diese Erscheinungen erregten auf die Dauer sehr großes Aufsehen. Auch waren manche der Schülerinnen den Erscheinungen gegenüber sehr furchtsam, so dass sie von ihren Eltern bei dem Mädchenpensionat abgemeldet wurden. Als nach 18 Monaten die Anzahl der Schülerinnen von 42 auf 12 abgesunken war, sah sich der Direktor gezwungen, die Lehrerin zu entlassen. Als ihr das mitgeteilt wurde, brach sie in Tränen aus und rief: "Ach! Schon das neunzehnte Mal! Es ist sehr hart, das zu ertragen." Es stellte sich heraus, dass sie wegen ihrer seltsamen Eigenschaft schon aus 18 vorhergehenden Stellungen als Erzieherin, beginnend ab ihrem 16ten Lebensjahr, entlassen worden war. Eine weitere Begebenheit dieser Art wurde von Dr. Max Kemmerich 1921 veröffentlicht. Dieser Fall ist dadurch noch etwas ausgeprägter als der vorhergehende, weil die Person, von der berichtet wird, ihren Doppelgänger selbst genau beobachten konnte, während die Emilie Sagée ihren zweiten Körper selbst niemals sah, weil er sich stets außerhalb ihres Gesichtsfeldes befand. Dr. Kemmerich berichtet (47, S. 126): "Das eigenartigste mir zur Kenntnis gelangte Erlebnis mit seinem Doppelgänger hatte der jetzt in München lebende Ingenieur Dr. Karl Sch. – dem Interessenten kann jederzeit die Adresse mitgeteilt werden –, das sich folgendermaßen zutrug. Er stand damals Mitte der zwanziger Jahre, und wohnte in Berlin, eifrig beschäftigt mit der Konstruktion eines Theatergebäudes. Er konnte die Lösung des Dachstuhls trotz eifrigen Rechnens und Grübelns nicht finden und ging, ziemlich verdrossen, kurz nach Mittag zum Essen. Auf dem Heimweg besuchte er noch einen Zigarrenladen, wo er mit dem Verkäufer über allerlei plauderte, ohne sich bewusst mehr mit seiner Aufgabe zu beschäftigen, und kam kurz nach zwei Uhr wieder in sein Zimmer zurück, um dort mit der Arbeit fortzufahren. Beim Eintreten sah er einen Mann an seinem Schreibtisch über das Zeichenbrett gebeugt, eifrig zeichnend. Sein erster Eindruck war der des Ärgers, dass seine Wirtin ihm einen Fremden in seiner Abwesenheit ins Zimmer gelassen hätte, zumal seine Arbeiten noch nicht dem Patentamt vorgelegt worden waren. In der Absicht, den Eindringling unbemerkt zu beobachten, blieb er geräuschlos an der Türe stehen, ohne sie zu schließen. Da erkannte er zu seinem größten Erstaunen in dem unbekannten Manne sich selbst! Er beobachtete den im hellen Licht am Fenster stehenden Doppelgänger genauestens. Er war in derselben Kleidung, die er selbst trug, im braunen Have–lock, ja, er erkannte sogar eine eingerissene Stelle an dessen Tasche, die genau wie seine eigene Manteltasche zerrissen war. Der Doppelgänger hatte den Hut abgenommen, aber er selbst hatte ja das gleiche beim Eintreten ins Zimmer getan! Er wunderte sich, dass das Phantom nicht den Mantel, der ihn beim Zeichen hinderte, abgelegt hatte. Etwa zehn Minuten, jedenfalls aber eine relativ lange Zeit, beobachtete der Dr. Sch. die Erscheinung, weit mehr interessiert, als erstaunt. Sie arbeitete emsig mit dem Bleistift. Allmählich sank sie unter den Tisch, und er sah, ohne an seinem eigenen Körper die geringste Veränderung feststellen zu können, wie sich die Füße, dann die Unterschenkel auflösten, gleichsam zerschmolzen, bis das Phantom gänzlich verschwunden war. Der Ingenieur trat nun an das Zeichenbrett, wo er zu seiner größten Überraschung die zeichnerische Lösung der Aufgabe fand.
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