– 30 – Ungehaltenheit kundzugeben, aber da stand niemand an der Türe, noch war jemand auf dem Gang oder in den Nebenzimmern zu sehen. Erstaunen überkam mich, und ich sah nach den Wolken, und diese näherten sich leise dem Bette, bis sie dasselbe vollständig eingehüllt hatten. Als ich dann in den Nebel hineinstarrte, gewahrte ich zu Häupten meines im Sterben liegenden Weibes eine weibliche Gestalt, etwa drei Fuß groß, durchsichtig, dennoch wie ein lichter Schein von leuchtendem Gold, eine Frauengestalt, so erhaben von Anblick, dass mir die Worte fehlen, sie genauer zu beschreiben. Eingehüllt in ein griechisches Gewand mit langen, lose herabwallenden Ärmeln. Auf ihrem Haupt eine strahlende Krone. So stand die Gestalt in ihrem vollen Glanze und ihrer Schönheit unbewegt da, ihre Hände über meine Frau erhoben, schien sie ihr gleichsam einen Willkomm zu bieten mit heiterer, stiller Miene, würdevoll Ruhe und Frieden ausstrahlend. Zwei andere Gestalten in Weiß knieten an der Seite meines Weibes und lehnten sich anscheinend gegen sie an. Andere Gestalten schwebten über dem Bett mehr oder weniger deutlich. Über meiner Frau indessen, durch ein Band mit ihr verbunden, das über dem linken Auge von der Stirne ausging, schwebte in die Höhe eine unbekleidete weiße Gestalt, anscheinend ihr Astralkörper. Zeitweise verhielt sich die so verbundene Person vollständig ruhig, dann aber schrumpfte sie in sich zusammen, bis sie nicht größer als etwa 18 Zoll war. Der Körper war vollständig, Arme und Beine alles vollständig. Während der Astralkörper so an Gestalt abnahm, wandte er sich öfter heftig hin und her, schlug mit Armen und Beinen um sich, vermutlich in der Absicht, sich freizumachen und zu entkommen. Er wandte sich so lange hin und her, bis er entkräftet zu sein schien. Dann wurde er ruhig, nahm wieder an Größe zu, um das nämliche Spiel von neuem beginnen zu lassen. Diese Vision, oder was es auch sein mochte, habe ich andauernd während der ganzen fünf Stunden gehabt, die dem Scheiden meiner Gattin vorausgingen. Unterbrechungen, wenn ich z.B. mit meinen Freunden sprach, mein Auge schloss und den Kopf abwandte, vermochten das Blendwerk nicht im Mindesten zu beeinflussen; denn sobald ich wieder meinen Blick auf das Sterbebett richtete, war auch die Geisterscheinung zu sehen. Diese ganzen fünf Stunden hindurch hatte ich ein seltsames Gefühl der Bedrückung, eine schwere Last lag auf meinem Kopf und meinen Gliedern, meine Augen waren schwer und voll Schlaf. Und während dieser Periode waren die Empfindungen so seltsam, die Erscheinungen so beständig und lebhaft, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren, und mehr als einmal dem behandelnden Arzt von Zeit zu Zeit sagte: 'Herr Doktor, ich verliere meinen Verstand.' Endlich trat der verhängnisvolle Augenblick ein. Ein Keuchen, der Astralkörper wand sich hin und her, mein Weib hörte auf zu atmen; es machte den Anschein, als wenn sie nun gestorben sei. Einige Augenblicke später jedoch begann sie wieder zu atmen, zweimal, und dann war alles still. Mit ihrem letzten Atemzuge und dem letzten Seufzer, als die Seele den Körper verlassen hatte, war das Verbindungsband plötzlich abgerissen und die Astralgestalt verschwunden. Die Wolken und die Geistergestalten verschwanden augenblicklich, und seltsam, das ganze schwere Gefühl, das auf mir gelastet hatte, war mit einem Male von mir gewichen. Ich war mir selbst wiedergegeben, kaltblütig, ruhig und besonnen, und von dem Augenblick des Todes an befähigt, alle Anordnungen betreffs des irdischen Körpers und seiner Bestattung zur letzten Ruhe zu treffen. Ich muss nunmehr meinen Lesern überlassen, darüber zu urteilen, ob ich einer Sinnestäuschung unterworfen war infolge des Grams, des Herzeleids und der Ermattung, oder ob nicht doch ein Schimmer jener geistigen Welt mit ihrer Schönheit, Glückseligkeit, Ruhe und Frieden meinen sterblichen Augen vergönnt war."
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