Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 31 – Diesem Bericht ist nicht zu entnehmen, dass die Sterbende die Gestalten, die sie abholten, erkannte, etwa als frühere Angehörige oder Freunde. Bei den folgenden Begebenheiten erkannten die Sterbenden jedoch, wer sie in Empfang nahm. Die Umstehenden konnten dagegen nichts sehen. Zuerst der Bericht des reformierten Pfarrers Alex Stern aus Bern. Er schildert im Jahre 1912 (86, S. 143) den Tod des Pfarrers Wilhelm Lehmann13 aus Lennep im Rheinland und schreibt: "Im Alter von noch nicht einmal sechzig Jahren war er durch eine auszehrende Krankheit aufs Krankenlager geworfen und war bereits ein Jahr bettlägerig, abgezehrt und so schwach, dass er nur sehr wenig und leise sprechen konnte und sich nicht mehr allein herumzulegen oder aufzurichten vermochte. Zwei seiner Söhne waren sechs bis acht Jahre vor ihm gestorben: der eine, Julius, in seinem elften und der andere, Rudolf, in seinem achten Lebensjahr. – An seinem letzten Lebenstag umstanden seine Ehegattin und seine lebenden Kinder, ein Sohn und drei Töchter, und einige Freunde sein Bett, ohne dass man erwartet hatte, dass sein Ende schon vorhanden sei. Auf einmal sagte der Kranke: 'Da sind ja meine Söhne Julius und Rudolf. Sie sind gekommen, mich abzuholen; es ist aber noch etwas zu früh, ich muss vorher noch einmal sprechen.' Nun beschrieb er ihre herrlichen Gestalten, sagte, wie groß und schön sie geworden seien, und setzte sich, zum Erstaunen der Anwesenden, im Bett auf, so dass seine Gattin ihn fragte: 'Was willst du, lieber Mann, denn tun?', worauf er erwiderte: 'Ich muss jetzt noch einmal predigen.' Mit verklärtem Angesicht, mit Kraft und Begeisterung hielt er nun eine herzergreifende Rede, in der er die Anwesenden ermahnte, ihrem Erlöser treu zu bleiben, weil es außer ihm kein Heil gebe und wir nur durch ihn Gnade bei Gott, Vergebung unsrer Sünden und die Seligkeit erlangen könnten. Darauf segnete er die Seinigen und die anderen Anwesenden, legte sich zurück und war verschieden." Die folgende Begebenheit schildert der reformierte Pfarrer in Basel Eucharius Kündig. Er hatte sich besonders der Seelsorge der Kranken und Sterbenden gewidmet und die Erfahrung gemacht, dass sterbende Kinder manchmal mehr wahrnehmen, als die umstehenden Erwachsenen sehen können. Er berichtet (49, S. 68) um 1850: "Ich bekenne, dass unter den Kranken die Kinder mich vorzüglich interessieren; ja, ich habe schon am Bettlein von Kindern gestanden, wo sich mir der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode fast in ein Schauen und Betasten verwandelte. Da muss ich Ihnen von zwei Schwestern erzählen, Emilie und Julie; die erstere sechs, die letztere fünf Jahre alt, die einander gar zärtlich liebten und immer Hand in Hand miteinander gingen. Emilie wurde krank und starb. Das gab in das Herz der Julie einen starken Riss. Nach drei Wochen wurde sie von Unwohlsein befallen, das aber für nicht bedeutend gehalten wurde. In ihrem Bettlein nun unterhielt sie sich immer mit der verstorbenen Emilie, auch während sie spielte. Fragte die Mama: 'Siehst du denn die Emilie?', so antwortete sie: 'Siehst du sie denn nicht?' Nach etlichen Tagen fiel der Mutter die veränderte, fast verklärte Physiognomie der Julie auf; sie teilte ihrem Gatten ihre Besorgnis mit und wie das Kind den ganzen Morgen immerwährend mit der Emilie rede und behaupte, sie zu sehen. Als beide Eltern am Bettlein der kleinen Kranken saßen, rief sie zu wiederholten Malen und fast unwillig: 'Ich kann nicht! ich kann nicht!' Auf einmal sagte sie freudig: 'Jetzt kann ich!' und starb." Nicht immer sind es verstorbene Freunde oder Verwandte, die von Sterbenden wahrgenommen werden, sondern manchmal auch Gestalten des religiösen Glaubens wie z.B. Engel. Darüber berichtet Eucharius Kündig ebenfalls ein Beispiel. Er schildert (49, S. 69) das mit starken 13 Wilhelm Lehmann, 1.9.1772 – 14.3.1824, ab 1807 evangelischer Pfarrer in Lennep.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjI1MzY3