– 32 – Schmerzen verbundene siebenmonatige Krankenlager eines zehnjährigen Mädchens. Im Verlaufe seiner Krankheit wandte es sich sehr dem Gebet und dem Neuen Testament zu. Das Ende des Leidens schildert Kündig folgendermaßen: "Am Morgen seines Todestages, während eines sanften Schlummers, sang es das Lied: Jesus nimmt die Sünder an. Als es damit zu Ende war, erwachte es und fragte lächelnd: 'Habe ich gesungen?' Als ihm dies bejaht wurde, sagte es mit einer unaussprechlichen Heiterkeit: 'Es sind Engel zu mir gekommen und haben gesagt, wir wollen das Lied singen: Jesus nimmt die Sünder an – da sagte ich: ich singe auch mit.' Abends war das liebe Kind sanft entschlafen." Bei den letzten drei Berichten ist der Einwand denkbar, dass es sich bei den Ereignissen nur um Halluzinationen14 ohne jeden tatsächlichen Hintergrund gehandelt haben könnte. Dem steht aber entgegen, dass die Sterbenden nicht den Eindruck machten, im Delirium zu liegen und wirres Zeug zu reden. Diese Meinung vertrat auch der britische Physiker Sir William Barret15, der durch seine Frau, die Ärztin für Geburtshilfe war, auf Visionen16 Sterbender aufmerksam gemacht wurde. Sie hatte in der Nacht des 12. Januar 1924 im Krankenhaus bei der Entbindung einer gewissen Doris ein für sie sehr erregendes Erlebnis. Die Ärztin berichtet über die Patientin (6. S. 14): "Plötzlich sah sie aufgeregt in eine Ecke des Zimmers, während ein strahlendes Lächeln ihren Gesichtsausdruck erhellte. 'Oh, wie schön, wie schön', sagte sie. 'Was ist schön?' fragte ich sie. 'Das, was ich sehe', erwiderte sie in verhaltenem, leidenschaftlichem Ton. 'Was sehen Sie?' 'Eine wunderschöne Helligkeit – allerliebste Geschöpfe.' Es ist schwer, den Eindruck der Wirklichkeit zu beschreiben, die bei ihr durch die starke Versenkung in die Vision hervorgerufen wurde. Dann, während sie ihre Aufmerksamkeit noch intensiver einem bestimmten Punkt zuwandte, stieß sie eine Art fast glücklichen Schrei aus und rief: 'Wirklich, es ist mein Vater! Oh, er ist so froh, dass ich komme; er ist so froh. Wie schön wäre es, wenn W. (ihr Mann) auch käme.' Ihr Säugling wurde gebracht, damit sie ihn sehen konnte. Sie betrachtete ihn aufmerksam und sagte dann: 'Glauben Sie, dass ich um des Babys willen bleiben sollte?' Dann wandte sie sich wieder der Vision zu und sagte: 'Ich kann nicht, ich kann nicht bleiben; wenn du sehen könntest, was ich mache, würdest du wissen, dass ich nicht bleiben kann.' Offenbar 'sah' die junge Frau etwas so Reales, so Befriedigendes, so Wertvolles, dass sie ihr Leben und ihr eigenes Kind aufgeben wollte. Aber dann wandte sie sich ihrem Mann zu, der hereingekommen war, und sagte: 'Du wirst das Baby niemandem überlassen, der es nicht liebt, nicht wahr?' Dann schob sie ihn sanft beiseite und sagte: 'Lass mich das liebliche Licht sehen.' Konnte dies alles lediglich die Erfüllung eines Wunschdenkens in Form einer Halluzination gewesen sein? Barret erwog eine derartige Erklärung, verwarf sie jedoch, da unter den Erscheinungen der Toten jemand gewesen war, den Doris nicht zu sehen erwartet hatte. Ihre Schwester Vida war drei Wochen zuvor gestorben. Doris war jedoch wegen ihres angegriffenen 14 Halluzination = innere Wahrnehmungsempfindung ohne äußeren entsprechenden Sinnesreiz und ohne paranormale Anregung, Wahrnehmungstäuschung. 15 Sir Willian Fletcher Barret, 1845–1926, bedeutender britischer Physiker, Professor an der Universität Dublin, Mitbegründer der britischen Society for Psychical Research. 16 Vision = bildhafte, anschauliche innere Wahrnehmung eines normal nicht sichtbaren Sachverhaltes mit paranormalem Hintergrund.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjI1MzY3