– 56 – Beerdigungstermin zu beklagen. Auch in dieser Mitteilung fällt auf, dass der Lebende Angst hat, sich von dem Phantom des Verstorbenen berühren zu lassen. Es erscheint aber nur einmal. Der Bericht wurde für Prof. F.W.H. Myers36, Mitglied der britischen S.P.R., angefertigt und ihm zugeleitet. Er lautet (94): "Mitgeteilt von Fräulein Schneller, Schwägerin des Empfängers und Mr. F.W.H. Myers persönlich bekannt, im Januar 1890. Vor ungefähr einem Jahr starb in einem Nachbardorfe ein Brauer namens Wünscher, mit dem ich in freundlichen Beziehungen stand. Sein Tod erfolgte nach einer kurzen Krankheit, und da ich selten eine Gelegenheit hatte, ihn zu besuchen, so wusste ich weder etwas von seiner Krankheit noch von seinem Tode. An seinem Todestage ging ich um 9 Uhr abends zu Bett, von den Arbeiten ermüdet, welche mein Beruf als Landmann von mir fordert. Hier muss ich bemerken, dass meine Diät frugal ist; Bier und Wein sind seltene Dinge in meinem Hause, und an jenem Abend ist wie gewöhnlich nur Wasser mein Getränk gewesen. Da ich von einer ganz gesunden Konstitution bin, schlief ich sofort ein, wie ich mich niederlegte. In meinem Traume hörte ich den Verstorbenen mit lauter Stimme rufen: 'Junge, mach schnell und gib mir meine Stiefel!' – Dies weckte mich auf, und ich bemerkte, dass meine Frau um unseres Kindes willen das Licht hatte brennen lassen. Ich sann mit Vergnügen über meinen Traum nach und dachte so bei mir, wie Wünscher, der ein gutmütiger, humorvoller Mann war, lachen würde, wenn ich ihm diesen Traum erzählte. Während ich noch darüber nachsinne, höre ich Wünschers Stimme draußen gerade unter meinem Fenster schelten. Ich setze mich in meinem Bette sofort auf und lausche, aber ich kann seine Worte nicht verstehen. Was kann der Brauer wollen? Ich dachte, und ich weiß für gewiss, dass ich sehr ärgerlich über ihn war, er wolle nur eine nächtliche Ruhestörung machen, da ich überzeugt war, dass seine Angelegenheiten sicher bis zum Morgen gewartet haben würden. Plötzlich kommt er in das Zimmer von hinter dem Leinenschrank herein und schreitet mit langen Schritten am Bette meiner Frau und dem des Kindes vorüber, die ganze Zeit über mit seinen Armen wild gestikulierend wie es seine Gewohnheit war, rief er aus: – 'Was sagen Sie dazu, Herr Oberamtmann? Diesen Nachmittag um fünf Uhr bin ich gestorben.' – Erstaunt über diese Mitteilung, rufe ich aus: – 'Oh, das ist nicht wahr!' – Er versetzte: – 'So wahr, wie ich es Ihnen erzähle; und was denken Sie davon? Sie wollen mich bereits Dienstagnachmittag um zwei Uhr begraben,' – wobei er seine Behauptungen die ganze Zeit über mit seinen Gestikulationen bekräftigte. Während dieser langen Rede meines Besuchers prüfte ich mich selbst, ob ich auch wirklich wach wäre und nicht träumte. Ich fragte mich: Ist dies eine Halluzination? Ist mein Geist im vollen Besitze seiner Fähigkeiten? Ja, dort ist das Licht, da der Krug, dies ist der Spiegel, und dieser ist der Brauer; – und ich kam zu dem Schlusse: Ich bin wach. Dann fiel mir der Gedanke ein: Was wird meine Frau denken, wenn sie erwacht und den Brauer in ihrem Schlafzimmer sieht? In dieser Befürchtung, dass sie aufwachen könnte, wende ich mich zu meiner Frau um und sehe zu meiner großen Erleichterung an ihrem Gesichte, welches mir zugewendet ist, dass sie noch schlummert; aber sie sieht sehr blass aus. Ich sage zu dem Brauer: – 'Herr Wünscher, wir wollen leise sprechen, damit meine Frau nicht aufwachen möge, es würde ihr sehr unangenehm sein, Sie hier zu finden.' – Hierauf antwortete Wünscher in einem leiseren und ruhigeren Tone: – 'Erschrecken Sie nur nicht, ich will Ihrer Frau nichts zuleide tun.' – 'Dinge ereignen sich in der Tat, für die wir keine Erklärung finden,' – dachte ich bei mir und sagte zu Wünscher: – 'Wenn 36 Prof. Frederic William Henry Myers, 1843–1901, Philosoph und Altphilologe, Gründungsmitglied und 1900 Präsident der britischen Society for Psychical Research, Verfasser des zweibändigen Werkes "Human Personality und its Survival of Bodily Death".
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