Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 67 – In diesem Augenblick stand die Amme zum ersten Mal auf, und ich hoffte, sie würde sich mir aus irgendeinem Grunde nähern und das, was mit mir vorging, sehen; – meine Erwartung erfüllte sich jedoch nicht; sie schaukelte nur langsam die Kleine, ohne sie aus dem Bettchen zu nehmen, kehrte dann gleich auf ihren Platz zurück und schlief sofort wieder ein. Für mich daher keine Hilfe sehend und fest glaubend, ohne zu wissen warum, dass ich sterbe und dass, was mit mir geschehe, nichts anderes als der unverzügliche Tod sei, fasste ich den Gedanken, ein Vaterunser zu beten. Kaum hatte dieser Gedanke sich meiner bemächtigt, als der neben mir Stehende plötzlich seine Hand von meinen Lippen nahm und ganz laut sagte: 'Also willst du nicht meine Hand küssen? Nun denn, hier ist, was dir bevorsteht!' Diese Worte sprechend, legte er mit seiner Rechten auf meinen Nachttisch ganz dicht neben mich eine Pergamentrolle von der Länge eines gewöhnlichen Bogens Schreibpapier, und als er die Hand von ihr wegzog, vernahm ich ganz deutlich das Rauschen eines sich entrollenden dicken Pergamentblattes und sah sogar zur Seite mit dem linken Auge einen Teil der Rolle, welche in diesem halbaufgewickelten Zustande auch liegenblieb. Dann drehte sich der neben mir Stehende weg, machte einige Schritte vorwärts, stellte sich vor den Heiligenschrein, wobei er mit seiner Figur das Lampenlicht vor demselben für mich verdeckte und fing an, laut und deutlich die Worte des von mir beabsichtigten Gebetes vom Anfang bis zum Ende herzusagen, von Zeit zu Zeit eine langsame Verbeugung machend; bei jeder dieser Verbeugungen wurde mir das Licht sichtbar und wieder verdeckt, wenn er sich aufrichtete. Nachdem er das erwähnte Gebet mit einer Verbeugung beendigt und sich wieder aufgerichtet hatte, stand er regungslos, wie auf etwas wartend; mein Zustand aber hatte sich in nichts verändert, und als ich zum zweitenmal in Gedanken wünschte, das Gebet zu der heiligen Mutter Gottes zu sprechen, da fing er wieder an, ebenso laut und deutlich auch dieses zu sagen, und so auch noch ein drittes, von mir in Gedanken gewünschtes Gebet. Zwischen den beiden letzten Gebeten gab es eine Pause, wo das Hersagen aufhörte und die so lange währte, als die wieder aufgestandene Amme das Kind stillte, wickelte und wieder einschläferte. Während des Hersagens hörte ich deutlich jeden Schlag der Uhr, was jenes nicht störte, und – wie schon bemerkt –, jede Bewegung der Amme und des Kindes, das ich leidenschaftlich in meine Nähe wünschte, um von ihm Abschied zu nehmen und es zu segnen vor dem von mir erwarteten Tode. Es kam kein anderer Wunsch in meinen Sinn. Doch auch dieser sollte nicht erfüllt werden. Die Uhr schlug Drei. Da erinnerte ich mich plötzlich, dass noch keine sechs Wochen seit dem heiligen Osterfeste verflossen seien und dass noch in allen Kirchen nach unserem Ritus der Ostervers 'Christ ist erstanden' gesungen wird, und fühlte auch ein heißes Verlangen, diesen zu hören! Wie als Antwort darauf ertönten auf einmal aus weiter Ferne die göttlichen Klänge des heiligen Liedes, ausgeführt von einem zahlreichen Chor in unermesslicher Höhe. Die Laute kamen immer näher und näher, wurden immer voller und heller, und ich vernahm eine nie gehörte überirdische Harmonie, so dass mir der Atem vor Entzücken stockte, die Furcht vor dem Tode wich und ich glücklich wurde in der Hoffnung, dass diese Laute mich ganz in sich schlingen und in den unendlichen Raum fortführen würden. Im Chorgesang hörte und unterschied ich deutlich die Worte des heiligen Liedes, die auch von dem vor mir Stehenden nachgesprochen wurden. – Plötzlich wurde das ganze Zimmer von einem mir bis dahin ganz unbekannten strahlenden Lichte übergossen, welches so stark war, dass ich geblendet nichts mehr unterscheiden konnte, weder die Flamme der Nachtlampe noch die Zimmerwände, selbst nicht die Erscheinung. Dieses Licht brannte einige Sekunden, und während dieser erreichten die Laute die höchste, betäubendste, unbegreiflichste Kraft! Hierauf wurde die Helle weniger blendend, und ich vermochte wieder die vor mir stehende Figur zu unterscheiden, aber nicht mehr nach ihrer ganzen

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