Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 68 – Ausdehnung, sondern nur vom Kopfe bis zum Gürtel, – und noch wunderbarer war, dass die Umrisse der vor mir stehenden Gestalt immer weniger deutlich wurden, sie sich gleichsam im Lichte auflöste, nach dem Maße, wie dieses selbst nach und nach dunkler wurde und zuletzt ganz verlosch; die neben mir liegende Pergamentrolle verschwand in gleicher Weise wie die Gestalt. Mit der Verminderung des Lichtes entfernten sich auch die Töne, ebenso langsam und allmählich, wie sie sich genähert hatten. Ich fühlte, dass mein Bewusstsein schwand und ich einer Ohnmacht nahe war, welche auch kurz darauf eintrat und von den stärksten Krämpfen und Konvulsionen des ganzen Körpers begleitet war. Dieser Anfall erweckte alle in der Wohnung Anwesenden und dauerte ungeachtet aller Hilfe und gebrauchten Mittel bis neun Uhr morgens, wo es endlich gelungen war, die Krämpfe zu beheben und mich zur Besinnung zu bringen. Die drei folgenden Tage lag ich regungslos vor Schwäche und Erschöpfung infolge eines sehr starken Blutspeiens während des Anfalls. Den Tag nach dieser schrecklichen Begebenheit bekamen wir Nachricht von der Erkrankung meines Schwagers Sengireéf und etwa zwei Wochen später von seinem Tode, welcher in jener Nacht vom 12.–13. Mai um 5 Uhr morgens eingetreten war. Es ist noch folgendes zu bemerken. Als meine Schwägerin, wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes, zu uns nach Romanoff–Borissogliebsk mit ihrer ganzen Familie übersiedelte, erwähnte sie einmal in meiner Gegenwart im Gespräch mit einer fremden Dame ganz zufällig, dass ihr verstorbener Mann mit langem, bis zu den Schultern herabhängendem Haare und mit einem großen, merkwürdigerweise während seiner Krankheit gewachsenen Barte beerdigt worden sei. Dann sprach sie weiter von einem sonderbaren Einfalle der mit der Beerdigung (für welche der schwergeprüften Frau die Kräfte fehlten) beschäftigten Personen, dem Verstorbenen zur Einkleidung für das Grab einen langen, aus schwarzem Tuche eigens hierfür verfertigten Talar zu geben, da sie nichts Passenderes finden konnten!" M. Perty38, der den vorstehenden Bericht veröffentlicht hat, fügt noch folgende ihm von Frau Aksákow berichtete Einzelheiten hinzu (65, S. 127): "Der Charakter des seligen Sengireéf war ein höchst seltsamer; sehr in sich verschlossen, wenig und ungern mitteilend, gewöhnlich melancholisch und verdrießlich, zeitweise, aber nur selten, ausgelassen, lustig und froh. Er konnte in seinem melancholischen Zustande 2, 3 ja selbst 8 und 10 Stunden auf einer Stelle sitzen, ohne sich zu bewegen oder auch nur ein einziges Wort zu sprechen, sagte dann die gewöhnlichen Mahlzeiten ab und nahm nichts zu sich, bis endlich ein solcher Zustand durch ein zufälliges Ereignis oder von selbst endigte. Die Anschauung seines nicht besonders aufgeweckten Geistes war rein materialistisch, wohl infolge seiner Profession als Arzt, sein Leben hingegen sehr geregelt. Er glaubte durchaus nicht an Übersinnliches, auch nicht an Geister, Gespenster und dergleichen. Das Verhältnis von Madame A. zu ihm war aus dem Grunde ein ziemlich gespanntes, weil sie beständig die Partie eines seiner Kinder nahm, welches er von Geburt an, ohne irgendeinen triftigen Grund, stets den übrigen sehr nachsetzte. Da Madame A. das arme kleine Wesen liebgewonnen hatte und es bei jeder Gelegenheit verteidigte, so ärgerte ihn dieses gewaltig, und er zürnte ihr dafür. Als er, etwa ein halbes Jahr vor seinem Tode, zum letzten Mal mit seiner Familie die Frau A. in Romanoff besuchte, gerieten Madame und er über das erwähnte Verhältnis tüchtig zusammen, und sie schieden bei seiner Abreise mit bedeutender Kälte voneinander. Ich glaube, dass die hier angeführten Umstände zum Verständnis des ganzen Falles von wesentlichem Belang sind. " Über die Einzelheiten des Erlebnisses, seine Deutung und das Motiv des Sterbenden gibt Staatsrat Aksákow folgende Erklärungen (65, S. 170): 38 Prof. Dr. Maximilian Perty, 1804–1884, Zoologe und Anatom in Bern, Verfasser zahlreicher parapsychologischer Bücher.

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