Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 78 – kann, und dass jedes Geistwesen sich einer Schulung55 unterziehen muss, selbst wenn es niemals eine Todsünde begangen hat. Ein weiterer Beweis, dass mein totes Kind in Wirklichkeit gar nicht gestorben war, erreichte mich an einem Ort, an dem ich es am wenigsten erwartet hätte. Ich war damals Herausgeberin einer Zeitschrift 'Londoner Gesellschaft' (London Society), und unter meinen Mitarbeitern war ein Dr. Kenningale Cook. Er war verheiratet mit Mabel Collins, der bekannten Verfasserin spiritualistischer Romane. Eines Tages überbrachte mir Dr. Cook eine Einladung seiner Frau (mit der ich vorher noch nie zusammengetroffen war), sie von Sonntag bis Montag in ihrem Wochenendhaus bei Redhill zu besuchen. Ich nahm die Einladung an, wusste aber weder etwas über ihre Neigungen noch sonst etwas von ihnen. Sie wussten ebensowenig von meinen privaten Verhältnissen, wie ich von ihnen. Ich muss bemerken, dass ich zu jener Zeit mein verlorenes Kind niemals zum Thema einer Unterhaltung machte, selbst mit meinen engsten Freunden nicht. Die Erinnerung seines Lebens und Todes und der Kummer, der dadurch verursacht wurde, waren nicht sehr glücklich für mich und gingen niemand etwas an, außer mich selbst. Ebensowenig wurde dieser Punkt in unserer Familie erörtert, bis 'Florence' wieder zum Leben zu erwachen schien. Meinen älteren Kindern war unbekannt, dass ihre Schwester im Unterschied zu ihnen in irgendeiner Weise gezeichnet war. Es kann daher die Wahrscheinlichkeit unterstellt werden, dass völlig Fremde oder die öffentlichen Medien keine Andeutung der Angelegenheit bekommen konnten. Ich fuhr also nach Redhill und saß nach dem Dinner mit den Cooks zusammen. Dabei kam das Thema des Spiritismus zur Sprache, und ich erfuhr, dass Frau Cook ein leistungsfähiges Trance–Medium war. Das interessierte mich sehr, denn zu damaliger Zeit hatte ich noch keine Erfahrung mit dieser besonderen Art der Mediumschaft. An jenem Abend veranstalteten wir zusammen eine Sitzung, und Mrs. Cook fiel dabei in Trance. Ihr Mann stenographierte das mit, was sie sagte. Mehrere alte Freunde der Familie sprachen durch sie. Ich hörte dem allen völlig uninteressiert zu, wie man die Unterhaltung von Fremden anhört. Meine Aufmerksamkeit wurde aber aufgerüttelt, als das Medium plötzlich von seinem Stuhl aufstand, vor mir auf die Knie fiel und mir meine Hände und mein Gesicht küsste. Dabei schluchzte es eine Weile heftig. Ich harrte erwartungsvoll zu hören, was das alles bedeuten sollte. Doch das Medium hörte plötzlich mit seinem Tun auf und kehrte zu seinem Stuhl zurück. Einer seiner Kontroll-Geister sagte, dass das vorher eingetretene Geistwesen infolge starker Gemütsbewegung nicht in der Lage gewesen sei zu sprechen. Später aber, im Verlaufe des Abends, wolle es das erneut versuchen. Ich hörte nun den anderen Durchgaben zu und hatte die vorherigen Einzelheiten schon fast vergessen, als ich stutzig wurde, wie ich das Wort 'Mutter' hörte, mehr geseufzt als gesprochen. Ich war daran, eine erregte Antwort zu geben, als das Medium seine Hand erhob und Schweigen gebot. Die folgende Unterhaltung wurde, sobald das Medium die Worte aussprach, von Mr. Cook niedergeschrieben. Die Sätze in Klammern sind meine Antworten der Wesenheit gegenüber. 'Mutter! Ich bin Florence. Ich muss ganz still sein. Ich möchte so gerne spüren, noch eine Mutter zu haben. Ich bin so einsam. Warum muss ich so sein? Ich kann nicht gut sprechen. Ich wäre so gerne wie einer von euch. Ich würde so gerne spüren, eine Mutter und Schwestern zu haben. Ich bin jetzt so weit weg von euch allen!' ('Aber ich denke immer an dich, mein liebes, verstorbenes Baby.') 55 Im Sinne einer Läuterung oder Aufwärtsentwicklung.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjI1MzY3