Der Tod, die Brücke zu neuem Leben

– 82 – 'Florence ist die Liebste', als wenn mir mein Geist–Kind einen leichten Tadel dafür geben wollte, dass ich einen anderen Namen als ihren aufgeschrieben hatte. Es erscheint mir heute seltsam, wenn ich jetzt zurückblicke und mich erinnere, wie niedergeschlagen sie war, als sie das erste Mal zu mir kam. Sobald sich aber eine ununterbrochene Verbindung zwischen uns eingestellt hatte, entwickelte sie sich zu dem fröhlichsten kleinen Geistwesen, das ich je kennengelernt habe. Obwohl ihre Kindheit nun vorüber ist und sie ernsthafter, nachdenklicher und fraulicher auftritt, erscheint sie immer froh und glücklich. Sie hat sich mir umfassend durch die Mediumschaft von Mr. Arthur Colman mitgeteilt. Ich erlebte sie während einer Dunkel–Sitzung in einem sehr kleinen privaten Kreis. Dabei wurde das Medium die ganze Zeit festgehalten und angebunden. Florence lief im Zimmer umher wie ein Kind, das sie ja war, küsste und sprach mit jedem Teilnehmer in der Runde, zog die Sofa– und Sessel–Bezüge herunter und stapelte sie in der Mitte des Tisches auf, tauschte das modische Beiwerk jedes Anwesenden aus, indem sie die Schlipse der Herren den Damen um den Hals legte und die Ohrringe der Damen in die Knopflöcher der Herren–Jacken hängte. Das tat sie alles gerade so, wie sie es getan haben könnte, wenn sie hier bei uns auf der Erde ein fröhliches und verwöhntes Kind gewesen wäre. Ich habe sie erlebt, wie sie kam und sich auf meinen Schoß setzte, mir dabei Gesicht und Hände küsste und mich den Defekt an ihrem Mund mit meinem eigenen fühlen ließ. An einem hellen Abend am 9. Juli, meinem Geburtstag, stattete mir Arthur Colman völlig unerwartet einen Besuch ab. Da ich einige Freunde bei mir hatte, kamen wir überein, eine Sitzung abzuhalten. Es war unmöglich das Zimmer zu verdunkeln, da die Fenster durch Jalousien nur beschattet werden konnten. Wir ließen sie herunter und saßen dann im Halbdunkel. Zuerst hörten wir die Stimme von Florence flüstern: 'Ein Geschenk zum Geburtstag der lieben Mutter.' Dabei legte sie mir etwas in meine Hand. Dann ging sie auf die andere Seite zu einer anwesenden Dame und legte ihr ebenfalls etwas in die Hand mit den Worten: 'Und ein Geschenk für die Freundin meiner lieben Mutter.' Ich fühlte sofort, was Florence mir gegeben hatte. Es war ein Perlenkranz, ein Rosenkranz. Da ich wusste, wie oft unter ähnlichen Umständen Dinge nur von einem Zimmer in das andere getragen werden, folgerte ich, dass es der Rosenkranz war, der auf dem Kaminsims meines Wohnzimmers gelegen hatte und sagte das auch gleich. Ich erhielt jedoch sofort durch die Stimme von 'Aimée', des Mediums engstes KontrollGeistwesen, die Antwort: 'Du bist im Irrtum. Florence hat dir einen Rosenkranz gegeben, den du nie zuvor gesehen hast. Sie war außerordentlich begierig, dir zum Geburtstag ein Geschenk zu machen. Daher gab ich ihr die Perlen, die mit mir begraben worden sind. Sie kommen aus meinem Sarg. Ich hielt sie in meiner Hand. Ich bitte dich aber darum, sie Arthur nicht eher zu zeigen, als bis ich dir die Erlaubnis dazu gebe. Er fühlt sich im Augenblick nicht wohl, und der Anblick der Perlen würde ihn jetzt aus der Fassung bringen.' Ich war darüber sehr erstaunt, aber ich folgte natürlich ihren Anweisungen. Als ich Gelegenheit hatte, die Perlen genauer zu untersuchen, fand ich tatsächlich, dass sie mir fremd waren und sie vorher nicht in meinem Haus gewesen sind. Das Geschenk, das meine Freundin erhielt, war ein großer, umgefasster Topas. Der Rosenkranz war aus geschnitztem Holz und Stahl angefertigt. Als einige Monate vergangen waren, erhielt ich die Erlaubnis, ihn Arthur Colman zu zeigen. Er erkannte ihn sofort als denjenigen, den er selbst in die Hände von Aimée gegeben hatte, als sie im Sarg lag. Als ich sah, wie ihn der Anblick erschütterte, bedauerte ich, ihm etwas davon erzählt zu haben. Ich bot an, ihm die Perlen zurückzugeben, aber er weigerte sich, sie zurückzunehmen. Und so blieben sie in meinem Besitz bis zum heutigen Tag. Der größte Höhepunkt aber sollte noch kommen, der über alle Zweifelsfragen hinweg die persönliche Identität des Geistwesens, das mit mir Verbindung aufgenommen hatte, mit dem Körper bewies, den ich zur Welt gebracht hatte. Mr. William Harrison, der Herausgeber der Zeitschrift Spiritualist (der nach 17 Jahren geduldiger Forschung noch nie einen persönlichen

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