- 15 - mit denen ich gerade gesprochen hatte, konnte ich nicht mehr erkennen, aber wie durch einen Nebel sah ich jetzt die anderen, nach denen ich gefragt hatte. Auch sie waren wirklich, doch als ich sie anblickte, spürte ich, wie mein Körper schwerer wurde; irdische Gedanken gingen mir durch den Sinn. Mir wurde klar, daß ich eine niedrigere Sphäre vor mir sah. Ich rief die Freunde beim Namen; sie schienen mich auch zu hören, aber ich konnte nicht verstehen, was sie antworteten. Dann war alles vorbei. Ein sanftes Geschöpf, das wie ein Symbol ewiger Jugend aussah, aber Kraft und Intelligenz ausstrahlte, stand neben mir. 'Mach dir keine Sorgen um sie', sagte es. 'Sie können hierherkommen, wann immer sie wollen, sofern sie es mehr als alles andere wünschen.' Übrigens herrschte um mich herum große Geschäftigkeit. Alle waren unaufhörlich mit geheimnisvollen Besorgungen unterwegs und schienen sehr glücklich zu sein. Einige, mit denen ich früher durch enge Bande verbunden gewesen war, zeigten sich hier nicht sonderlich an mir interessiert. Dafür wurden andere, die ich nur flüchtig gekannt hatte, jetzt meine Gefährten. Ich erfuhr, daß dies richtig und natürlich sei. Hier bestimme das Gesetz der Geistesverwandtschaft unsere Beziehungen. Irgendwann - ich hatte keinerlei Zeitgefühl mehr - fand ich mich vor einem blendend weißen Gebäude stehen. Als ich eingetreten war, bedeutete man mir, in dem riesigen Vorraum zu warten, bis über meinen Fall entschieden worden sei. Durch große Türen konnte ich zwei lange Tische sehen, an denen Leute saßen und sprachen - sie sprachen über mich. Schuldbewußt begann ich mit einer Bestandsaufnahme meines Lebens. Sie ergab kein sehr erfreuliches Bild. Die Leute an den Tischen waren mit der gleichen Bilanz beschäftigt, aber das, was mir Kummer machte, schien für sie weniger gravierend zu sein. Die herkömmlichen Sünden, vor denen man mich als Kind gewarnt hatte, wurden kaum beachtet. Aber es gab ernste Besorgnisse wegen solcher 'Delikte' wie Selbstsucht, Egoismus, Dummheit. Wiederholt fiel das Wort 'Verschwendung' - nicht im Sinne von Ausschweifung und Liederlichkeit, sondern als Vergeudung von Energien, Talenten und Gelegenheiten. Auf der anderen Seite wurden lobend einige geringfügige Dinge erwähnt, die wir alle von Zeit zu Zeit tun, ohne ihnen irgendwelche Bedeutung beizumessen. Die 'Richter' versuchten, die Grundzüge meines Lebens herauszufinden. Sie erwähnten, daß ich versäumt hätte, das zu erfüllen, 'wovon er wußte, daß er es fertigzustellen haben würde'. Es schien, daß mir eine Aufgabe zugedacht gewesen war, die ich nicht erfüllt hatte. Es hatte offenbar einen Plan für mein Leben gegeben, den ich nicht begriffen hatte. 'Sie schicken mich wieder zurück', dachte ich voller Bedauern. Nie habe ich herausfinden können, wer diese Leute waren. Als man mir sagte, daß ich in meinen Körper zurückkehren müsse, in diese gemarterte, kranke Hülle, die ich in dem Krankenhaus in Florida zurückgelassen hatte, wehrte ich mich heftig. Ich stand vor einer Tür. Ich wußte, wenn ich hindurchginge, würde ich wieder dort sein, wo ich hergekommen war. Ich beschloß, mich nicht von der Stelle zu bewegen. Wie ein bockiges Kind stemmte ich meine Füße gegen den Türrahmen und schlug wild um mich. Plötzlich fühlte ich, wie ich durch leeren Raum stürzte. Ich öffnete die Augen und blickte in das Gesicht einer Krankenschwester. Ich hatte mehr als zwei Wochen im Koma gelegen." Bei einem derartigen Bericht kann man natürlich darüber streiten, ob es sich nur um Fieberphantasien gehandelt hat oder um ein Erlebnis mit realem Hintergrund. Wenn man letzteres aber annimmt, und es spricht vieles dafür, daß es kein Fiebertraum war (weil diese nämlich verworren und nicht harmonisch verlaufen) und man weiterhin die in die gleiche Richtung zielenden Angaben von Frau Kübler-Ross und anderen Autoren hinzuzieht, so darf man derartige Berichte aber nicht verallgemeinern. Es kann beim Tod so friedvoll und angenehm zugehen, muß es aber nicht. Ich weiß durch viele selbstgeführte Gespräche mit verstorbenen Menschen und durch Berichte anderer Autoren, daß Hinübergegangene oft ganz andere Erlebnisse hatten. Manchmal merken sie auch gar nicht, daß sie gestorben sind, vor allem dann nicht, wenn sie an ein Fortleben nach dem Tode nicht geglaubt haben. Da sie noch ihre Persönlichkeit besitzen, Sinneswahrnehmungen haben und sogar denken können (wenn auch oft nur eingeschränkt), meinen sie, daß sie noch auf der Erde am Leben sein müßten. Sie wundern und ärgern sich nur darüber, daß keiner ihrer zurückgelassenen Angehörigen mehr Notiz von ihnen nimmt. Es kommt ihnen seltsam vor, daß sie auf einmal durch verschlossene Türen gehen können, aber infolge einer geminderten Erkenntnisfähigkeit kommen sie nicht zu der Einsicht, daß sie inzwischen gestorben sind. Fälle dieser Art werden später geschildert. Gelegentlich sind derartige Verstorbene auch noch so mit, unserer Erde verhaftet, daß sie zu Spuk- oder Besessenheitserscheinungen Anlaß geben. Einen solchen Spukfall habe ich bereits in dem Werk "Der Tod, die Brücke zu neuem Leben" (17) in Bezug
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