Psychowissenschaftliche Grenzgebiete
 
Thema: Paranormale Heilmethoden auf den Philippinen (9)


   

19. Der Kampf gegen die philippinischen Heiler

Seit der Aufklärung im 18ten Jahrhundert, der Geistesbewegung, die sich auf die menschliche Vernunft, den Rationalismus und die Allgemeingültigkeit der damals bekannten Naturgesetze gründete, werden Erscheinungen, die wir heute als paranormal bezeichnen, auf das heftigste bekämpft. Dies geschieht besonders aus den Reihen der sogenannten Materialisten, also der Menschen, die alle Erscheinungen unseres Lebens auf die uns bekannte Materie zurückführen. In diesem Weltbild stören die paranormalen Vorgänge, wozu besonders auch die Geistige Heilung mit ihrer philippinischen Ausprägung gehört. Daher darf es so etwas nicht geben. Der Glaube an diese Dinge oder gar die Verbreitung von Kenntnissen darüber wird als krimineller Aberglaube und psychische Umweltverschmutzung bezeichnet. Die Ausüber paranormaler Praktiken, ganz besonders die Geistigen Heiler, werden als Betrüger hingestellt.

Der frühere Polizeidirektor von Bremen, Dr. jur. Herbert Schäfer, hat in seinem Buch: "Der kriminelle Aberglaube in der Gegenwart" (1963) den Begriff des "Okkulttäters" geprägt ("Der Okkulttäter als Träger der abergläubischen Tradition"). In die gleiche Richtung zielt ein weiterer Jurist und Richter Dr. Wolf Wimmer. Nach ihnen ist die ganze Parapsychologie und die Ausübung der Geistigen Heilung nur unter dem Gesichtspunkt der Strafverfolgung zu sehen.

Nun gibt es in allen Berufen schwarze Schafe, d. h. Schwindler und Betrüger, auch unter Juristen, Polizisten und Ärzten. Folgerichtig muß es sie auch unter den Heilern geben. Aber die Frage, um die es hier geht, ist die, ob denn alle Heiler Schwindler und Betrüger sind? Die vorangegangenen Ausführungen sollten zeigen, daß das nicht der Fall ist.

Der nachfolgende Abschnitt wird nun ein Licht auf die Methoden werfen, mit denen Gegner die philippinischen Heiler insgesamt zu Betrügern stempeln. Hier tun sich ja besonders große Teile der Massenmedien hervor: Presse und Fernsehen. An wenigen Beispielen soll das Vorgehen erläutert werden.

Als um das Jahr 1969 die ersten Nachrichten über philippinische Heiler in Europa (und auch in Deutschland) eintrafen und die ersten Patienten nach ihrer Rückkehr teils begeistert, teils enttäuscht über ihre Erlebnisse berichteten, griff auch sehr schnell ein Teil der Presse das Thema auf. Ganz gleich, ob nun dafür oder dagegen Stellung genommen wurde, in jedem Fall wurde der Angelegenheit durch die Einführung des Wortes "Wunder" der Anstrich des Sensationellen oder auch des Dubiosen gegeben. Jeder berichtende Journalist sprach nur von "Wunderheilern", obwohl sich die philippinischen Heiler nie so nennen, sondern sich nur als Faith Healer oder Psychic Healer bezeichnen.

Der Gebrauch des Wortes "Wunderheiler" in der Presse, ob nun ernst oder ironisch gemeint, hatte zur Folge, daß viele Kranke, die von der normalen Medizin keine Besserung mehr erhofften, nun glaubten, es müsse sich nach einer langen und kostspieligen Reise auf die Philippinen an ihnen auch wirklich sofort ein Wunder in Form einer weitgehenden Heilung ereignen, etwa nach dem Muster "Stehe auf, nimm dein Bett und wandle." Da das meistens in dieser Form nicht so eintrat, entstand in vielen Fällen große Enttäuschung und manchmal der Verdacht des Betruges. Das wurde dann von Teilen der Sensationspresse, dem Fernsehen und einzelnen Schulmedizinern entsprechend ausgewertet.

Die Kampagne begann 1971.

Mitte Mai flogen Reporter der deutschen Illustrierten "Stern" und "Neue Revue" mit einer Gruppe von 19 Patienten, Prof. Bender aus Freiburg und einem Hamburger Internisten Dr. Wartenberg auf die Philippinen zu Tony Agpaoa in Baguio. Die Gruppe blieb rund zwei Wochen auf den Philippinen und sah ausschließlich bei Agpaoa eine Reihe von blutigen Behandlungen. Wer sich für die Einzelheiten dessen interessiert, was damals geschah, möge die Berichte von Prof. Stelter (-23-) und Rudolf Passian (-24-) nachlesen.

Kurze Zeit nach der Rückkehr dieser Gruppe erschien in der "Neuen Revue" ein wohlwollender Bericht über die Beobachtungen bei Tony Agpaoa.

Der "Stern" dagegen, der bekanntermaßen über viele Dinge entstellend und negativ berichtet, brachte eine völlig abwertende Schilderung unter dem Titel "Der Heiland mit den flinken Fingern" (Stern Nr. 29 vom 11. Juli 1971). Agpaoa wurde als "genialer Taschenspieler" hingestellt, der mit künstlichen Folien offene Wunden imitiere und mit einem Zweikomponenten-Farbstoff Blut vortäusche. Als "Beweis" wurde ein großes, deutliches Farbphoto abgebildet, auf dem angeblich diese Folie zu sehen sei. (Stern 29/1971, S. 28).

Ich kann auf diesem Bild beim besten Willen keine künstliche, aufgelegte Folie erkennen, nicht einmal die sonst bei Agpaoa oft photographierte materialisierte Auflage, wie sie in Bild 31 dargestellt ist, und die ja häufig zu Mißdeutungen Anlaß gegeben hat. Für mich ist auf dem "Stern"-Photo nur erkennbar, daß eine hellrote Flüssigkeit, vermutlich Blut mit etwas Wasser vermischt, über den Leib eines Patienten in eine eingedrückte Hautfalte hineinläuft. Wenn es eine aufgelegte Folie wäre, müßte man auf dem völlig scharfen Bild irgendwo ihren etwas abgehobenen Rand erkennen. Das ist aber nicht der Fall.

Der "Stern" nimmt weiterhin Agpaoas Wohlstand aufs Korn (Reisebüro, Friseursalon, Schneideratelier) und schreibt: "Der Heiland fordert kein Geld. Er nimmt, was er kriegt." Von irgendwelchen exakten Nachweisen, z. B. bezüglich des behaupteten Farbstoffes, ist keine Rede.

Zu welchen Verfälschungen der "Stern" auch sonst fähig ist, ersieht man am besten aus dem Buch von Wilfried Ahrens "Herr Nannes Gewerbe. Der Skandal Stern. Eine Chronik", Ahrens Verlag, Sauerlach 1984.

 

Die Illustriertenberichte über die philippinischen Heiler ließen auch das Fernsehen nicht ruhen. Unmittelbar nach Erscheinen des Sternberichtes machte sich am 10. Juli 1971 eine Reportergruppe unter Immo Vogel für die Sendung "Report" der ARD auf die Reise zu Tony Agpaoa. Was sich dort ereignete, wird von der damals anwesenden (und bereits erwähnten) deutschen Heilpraktikerin Sigrun Seutemann berichtet. (-26-) Die Fernsehleute waren äußerst argwöhnisch und ungläubig. Um Agpaoa auch medizinisch "überführen" zu können, machten sie mit Hilfe der deutschen Botschaft in Manila einen dort praktizierenden deutschen Arzt Dr. Lothar Lissner ausfindig, der sich bereit erklärte, bei der Entlarvung Agpaoas mitzuhelfen. Über sein Eingreifen berichtet Frau Seutemann (-27-):

"Als am nächsten Tag Agpaoa zu den Operationen erschien, nahm er von der Anwesenheit des Arztes aus Manila Kenntnis, ohne etwas gegen dessen Anwesenheit bei den Operationen einzuwenden.

Die erste Operation fand an einem hoffnungslos Krebskranken statt. Agpaoa gab ihm nur noch vier Wochen Zeit hoffte aber, ihm seinen schweren Zustand erleichtern zu können.

Vor der Operation trat Agpaoa vor Dr. Lissner, streifte die Ärmel hoch und forderte ihn auf, zu untersuchen, ob er irgend etwas verborgen hätte. Lissner fand nichts. Als Agpaoa mit der Operation begann, bat er den Arzt mit seinen Augen ganz dicht an die Operationsstelle heranzugehen und genau zu beschreiben, was er sähe. Der Mediziner beschrieb, er sähe die Wunde, die Öffnung des Körpers, jetzt ein Stück des freigelegten Harnleiters und darüber ein Tumor von der Größe eines Gänseeis. Agpaoa legte den Tumor frei, lockerte ihn, entfernte ihn schließlich und legte ihn Dr. Lissner in die Hand. Der Tumor war körperwarm. Er roch entsprechend. Die Wunde wurde jetzt wieder in der bei Agpaoa üblichen Art geschlossen. Dr. Lissner war zunächst sehr verwirrt. Später kontrollierte man gemeinsam die Harnausscheidung des Patienten, die vorher durch den Tumor blockiert worden war. Sie kam in Gang, obschon die Niere rettungslos lädiert war.

Danach wagte Dr. Lissner die Frage, ob Agpaoa ihn selbst wohl auch operieren könne. Er litt seit langem an Polypen in der Nase. Agpaoa war einverstanden. Ich assistierte. Die Gattin Dr. Lissners war ebenfalls anwesend. Der Patient bekam ein großes Handtuch um den Hals gelegt, Agpaoa öffnete die Nase vom Nasenrücken her und forderte die etwas schockierte Frau des Arztes auf, sich die Nase ihres Mannes von innen anzusehen. Agpaoa legte dann die Polypen frei und forderte mich auf, mittels einer kleinen Zange die freigelegten Polypen abzuzwicken, was ich tat. Dann zog Agpaoa seine Hände weg, und die Nase war wieder geschlossen. Das Ganze hatte vielleicht zwei Minuten gedauert.

Dr. Lissner war sehr mit Blut beschmiert. Man wusch ihm das Gesicht, wonach er noch etwas überrascht und blaß sitzenblieb, obwohl er keinerlei Schmerzen empfunden hatte. Jetzt probierte er seine Nasenatmung aus und sagte begeistert, er bekäme jetzt zum erstenmal seit zwanzig Jahren wieder richtig Luft. Am Ende der Operation hatte Agpaoa einen Wattebausch genommen, ihn in die blutende Wunde getaucht und Dr. Lissner dann in die Hand gedrückt: 'Lassen sie es untersuchen!', sagte er. Der Arzt gab den Wattebausch jedoch dem Fernsehreporter und bat ihn, ihm nach der Laboruntersuchung Bescheid zu geben. Dr. Lissner hat keinen Bescheid erhalten.

Danach begab sich der Mediziner für einige Zeit zum Ausruhen auf sein Zimmer, wo er noch ein längeres Gespräch mit dem Fernsehreporter und einem Amerikaner hatte. Als er wieder zurückkam, sagte er, mit seinen Augen sei etwas nicht in Ordnung, und zwar sähe er jetzt nach der Operation plötzlich mit seiner Brille schlechter als ohne Brille. Vier Wochen später schrieb mir Dr. Lissner, daß er sich von einem Manilaer Augenspezialisten eine neue schwächere Brille hätte verordnen lassen und er zu seiner Überraschung die gleiche Sehkraft wieder hätte wie vor fünfzehn Jahren. Dr. Lissner ließ sich diese Tatsache von seinem Augenarzt schriftlich bestätigen, die auch diesem völlig unerklärlich war.

Der Arzt aus Manila sah sich in den nächsten Tagen noch eine Menge weiterer Operationen Agpaoas an. Wir fuhren zusammen auch in die Lowlands und beobachteten die Rosales-Operateure Mardelo und Carlos. Die für ihn überzeugendste und sensationellste Operation in den Lowlands erlebte er aber bei dem Heiler Mercado. Dieser gilt als ein Spitzenoperateur der Union Espiritista Cristiana de Filipinas und wurde von Agpaoa und Eleuterio Terte ausgebildet. Er operiert heute im Agpaoa-Stil. Wir suchten zusammen mit noch einigen Bekannten Mercado ohne vorherige Anmeldung auf. Dieser operierte gerade in seiner Kapelle, und es warteten etwa dreißig Patienten.

Nach einiger Zeit des Zuschauens wurde eine junge Frau hereingetragen. Dr. Lissner erkannte sofort den auf den Philippinen recht häufigen und gefürchteten Douglas-Abszeß (Eiteransammlung zwischen Gebärmutter und Mastdarm) und sagte mir, die Patientin sei nach seinem Dafürhalten verloren. Mercado stellte sofort alle anderen Kranken zurück und ließ die Frau auf den Operationstisch legen. Sie war sehr schwach und konnte nicht mehr die Beine ausstrecken; der Bauch war bretthart. Wir waren mit unseren Augen etwa vierzig Zentimeter vom Operationsfeld entfernt und konnten genauestens beobachten. Vor den Augen des entsetzten Dr. Lissner schob Mercado seine Hände in den Leib der Patientin hinein und holte nach kurzer Zeit zwei Handvoll giftgrünen Eiters heraus. 'Es gibt nur einen Eiter', rief der Mediziner, 'der derartig riecht nämlich der beim Douglas-Abszeß!' Kurze Zeit später hatte Mercado die Öffnung bereits wieder geschlossen und ließ die Patientin, die natürlich etwas erschöpft wirkte, beiseite legen. Er verordnete ihr eine Stunde Ruhe. Danach könne sie nach Hause gehen.

Dr. Lissner, der bei diesem Erlebnis fast die Nerven verloren hätte, da er besondere Erfahrungen in der Behandlung des Douglas-Abszesses besaß, sagte jetzt zu mir: 'Ich will nichts mehr sehen, ich habe genug gesehen. Es gibt für mich keinen Zweifel mehr!'

Nach Baguio zurückgekehrt es war Samstag bat Dr. Lissner die Herren vom Fernsehen zu sich. Es waren ferner noch einige weitere Personen anwesend, und Dr. Lissner gab sein abschließendes Interview für das Deutsche Fernsehen. In diesem Interview faßte er seine in den letzten Tagen gesammelten Erlebnisse und Erfahrungen zusammen. Er führte aus, daß es sich bei diesen Operationen um Phänomene handele, für die er keine Erklärung wisse. Mit Sicherheit könne er jedoch sagen, daß es sich nicht um Betrug handle!"

Soweit der Bericht der Heilpraktikerin Sigrun Seutemann.

Am 2. August 1971 wurde der Bericht über Agpaoa in der Sendung "Report" ausgestrahlt.

Er viel völlig negativ aus.

Die Hinzuziehung des Arztes Lissner und sein Zeugnis wurden unterschlagen. Alles wurde als Trick hingestellt. Allerdings wurde zugegeben (-28-):

"Trotz des eindeutigen Schwindels fühlten sich viele Patienten nach den vorgetäuschten Operationen besser."

Wiederum wurde die Geschichte mit der aufgelegten Folie präsentiert und mit Filmaufnahmen unterlegt. Es heißt in dem Report-Bericht (-29-):

"Die folgenden Aufnahmen zeigen, die Bauchöffnungen sind Täuschungen. Geschickte Täuschungen allerdings. Er spannt eine Art Folie über die Bauchdecke. Bei genauem Hinsehen wird deutlich, wie ihm das Folienmaterial, das die Öffnungen darstellen soll, aus den Fingern gleitet! Hier deutlich sichtbar unterhalb des Zeigefingernagels!"

Ich besitze diese Filmszene auf Videoband und habe sie mir mehrfach und eingehend im Standbild angesehen. Die Reportschilderung ist korrekt. Man sieht tatsächlich das folienartige Material, das auch andere photographiert und ich selbst ebenfalls gefilmt habe. Nur handelt es sich nicht um eine betrügerisch eingeschmuggelte Plastikfolie, sondern um die bereits mehrfach erwähnte, paranormal gebildete (materialisierte), oft rot geflammt erscheinende Auflage. Daß es keine normal-materielle Plastikfolie ist, erkennt man daran, daß die Auflage in Sekundenbruchteilen scheinbar aus dem Nichts ausgebreitet wird, ihre Struktur (Maserung und Färbung) ändert und ebenso schnell wieder spurlos verschwindet.

Noch kein Fernseh- oder Bildreporter hat einem Heiler eine wirkliche Plastikfolie entwinden oder entwenden können. Agpaoa hat Immo Vogel 1971 auch die richtige Erklärung darüber gegeben, nur hat dieser sie, bar jeder Vor- und Sachkenntnisse, nicht geglaubt. Schlußkommentar des Report-Fernsehberichtes vom 2. August 1971:

"Seit heute ist wieder eine deutsche Gruppe bei Agpaoa. Wiederum schieben Schwerkranke notwendige Operationen auf mit Hoffnung auf einen Wunderheiler!"

Am 9. August 1971, also eine Woche nach der Report-Sendung, brachte das "Gesundheitsmagazin" des ZDF ebenfalls einen abwertenden und desinformierenden Filmbericht über Agpaoa. Dabei bediente man sich u. a. einiger Filmaufnahmen, die Prof. Stelter dem ZDF zu vertrauensvoll zur Verfügung gestellt hatte. Die eindrucksvollen Szenen waren für die Sendung herausgeschnitten worden, und die anderen wurden verfälschend kommentiert. Einzelheiten können bei Stelter (-30-) nachgelesen werden.

 

Von diesen Anfangsdesinformationen ausgehend erschienen in den nächsten Monaten und Jahren eine Reihe von Presseberichten und Fernsehsendungen, die in der Tendenz überwiegend negativ waren.

 

Im Jahre 1982 kam erneut größere Bewegung in den Kampf gegen die philippinischen Heiler. In den Reihen der Gegner hatte es sich herumgesprochen, daß der Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen (überwiegend aus dem völkerkundlichen und enthnomedizinischen Bereich) und approbierte Pharmakologe Theo Ott auch einen Film über die philippinischen Heiler mit dem Titel. "Der heilende Schock" in Arbeit und kurz vor der Fertigstellung hatte. Er sollte noch 1982 im Deutschen Fernsehen gesendet werden, und, was das Schlimmste war, er berichtet sachlich und positiv über die Vorgänge. Dem mußte entgegengewirkt werden.

Zuerst erschienen in der österreichischen Zeitschrift "profil", (vergleichbar dem deutschen "Spiegel"), Nr. 12 vom 22. März 1982 unter dem Titel "Wunder? Heiler?" zwei Aufsätze, die auf der Inhaltsangaben-Seite 3 folgendermaßen eingeleitet wurden:

"Genesung auf philippinisch. Sie glauben an Elfen und Heinzelmännchen, sie glauben an die Heilkraft von psychischer Energie und an eine Chirurgie ohne Messer. Jetzt glauben auch immer mehr medizinmüde Patienten an die Glaubensheiler der Bananenrepublik."

Im üblichen schnodderigen und herabwürdigenden Journalistenjargon wurden eine Reihe beobachteter Patientenbehandlungen beschrieben und einige Heilerfolge zugegeben. Über Virgilio Gutierrez hieß es auf Seite 46:

"Virgilio behandelt hauptsächlich mit Heilmassage, nur einmal streicht er einer Französin mit beiden Händen über den Hals, verharrt dann mit seiner linken an einer Stelle zwischen Sehne und Kehlkopf, betupft sie mit dem obligaten nassen Wattebausch, bohrt den rechten Zeigefinger bis zum Mittelgelenk in den Hals, macht ein paar kreisende Bewegungen und zieht ihn blutverschmiert wieder heraus. Keine Spuren auf der Haut. Selbst aus einem halben Meter Entfernung ist ein Trick nicht zu erkennen."

Aber trotzdem kommt das Gesamturteil: alles Schwindel, z. B. in den Worten (Seite 48):

"Natürlich öffnet die Wunderheilerhysterie drüben Tür und Tor für den Schwindel und die Lust aufs Geld",

oder Seite 48:

"Die scheinbar im Bauch eines Patienten steckende Hand von Nobelheiler Alex Orbito rüttelt an den Grundfesten unseres vom Materialismus geprägten Weltbildes. Wenn das wahr ist, dann bricht das Lehrgebäude der modernen Naturwissenschaft und Medizin in sich zusammen."

Hier kommt ein Motiv der Gegner der Geistigen Heilung zum Ausdruck: So etwas darf einfach nicht wahr sein! Dabei stimmt es gar nicht, daß das Lehrgebäude der Naturwissenschaft und Medizin zusammenbrechen würde, wenn das wahr ist. Es müßte nur erweitert werden, und einige Unbelehrbare müßten dazulernen. Da das aber mit geistiger Anstrengung verbunden ist, streitet man aus Bequemlichkeit lieber alles ab.

Um den Verkauf des profil-Heftes über die "Wunder? Heiler?" noch etwas anzuheben, veranstaltete das österreichische Fernsehen ORF in seiner "Club 2"-Sendung vom 25. März 1982 einen Diskussionsabend über die Geistheiler auf den Philippinen. Hier wurde nun nicht, wie bis dahin im Deutschen Fernsehen, einseitig Stellung bezogen, sondern es wurden zu gleichen Teilen Gegner und Befürworter der philippinischen Heiler als Diskussionspartner eingeladen.

Als Gegner waren anwesend:

  1. Christian Stelzel, ein Zauberkünstler, mehrfacher Weltmeister der Manipulation, mit Bühnennamen "Magic Christian", ein sehr selbstbewußter und von seinen Fähigkeiten eingenommener Herr. Er konnte tatsächlich hervorragend zaubern. Was er in kleinem Kreis vor der Sendung an Kunststücken als Kostprobe vorführte, war jedenfalls für mich verblüffend.
  2. Prof. Dr. Helmut Denck, Prof. für Chirurgie an der Wiener Universität.
  3. Der Journalist Stefan Gergely, einer der beiden Autoren der profil-Reportage vom 22. März 1982.

Als Befürworter waren eingeladen:

  1. Der Filmregisseur Theo Ott
  2. Der Arzt Dr. Walter König
  3. Der Physiker Prof. Dr. Werner Schiebeler

 

Außerdem war noch eine ehemalige und sich als geheilt oder stark gebessert bezeichnende Patientin anwesend:

Die österreichische Gastwirtin Rosa Umgeher.

Die Sendung wurde durch eine Vorführung des anwesenden Zauberkünstlers eingeleitet. Er imitierte einen blutigen Eingriff philippinischer Heiler. Dazu war eine Patientenliege aufgestellt und ein Tisch mit den notwendigen Utensilien: Ein Teller mit sehr großen Wattebäuschen (viel größer als sie die Philippinos verwenden), eine Plastikschüssel und eine Spritzflasche mit heller Flüssigkeit. Ich versuchte zunächst einmal, die großen Wattebäusche anzufassen, weil in ihnen ja höchstwahrscheinlich das "Operationsgut" verborgen war. Das wurde mir aber von dem Assistenten des Zauberers verwehrt.

Dann begann die "Operation". Als Patient diente der beleibte Prof. Denck, auf dessen Bauch der Zauberkünstler herumdrückte. In außerordentlich langer Zeit (gemessen an den Eingriffen philippinischer Heiler, bei denen alles sehr schnell abläuft) erzeugte er durch Kneten und Drehen aus einem Wattebausch ein rotgefärbtes "Gewebestück", dessen Baumwoll-Struktur aber deutlich erkennbar war. Anschließend zog er aus einem weiteren Wattebausch einen dunkelrotgefärbten Tuchfetzen hervor, und als drittes setzte er aus einem neuen Wattebausch einen kleinen, grünen Plastikfrosch frei und schnippte ihn mit dem Finger weg. Letzteres war besonders interessant, weil der Frosch von seiner Verpackung her noch einen schönen Wattebart um das Maul hatte.

Ich habe mir diese Einzelheit auf dem Fernsehschirm im Standbild genau angesehen. Wenn die philippinischen Heiler auch so wie dieser Zauberer arbeiten würden, müßte man an ihren zutage geförderten Gewebeproben ebenfalls stets anhaftende Wattereste beobachten. Das war aber noch niemals der Fall.

Nach der zauberkünstlerischen Demonstration begann die eigentliche Diskussion, die verständlicherweise völlig kontrovers geführt wurde, d. h. keine Seite vermochte die andere zu überzeugen.

Im Verlauf der Sendung wurde dann auch eine Szene aus dem neuen Film von Theo Ott eingeblendet und gleichfalls eine Szene aus meinem ersten Philippinen-Film. Ich hatte den Teil ausgewählt, in dem der Heiler Juan Blance durch eine symbolische Schnittbewegung eine große Balggeschwulst auf dem Rücken einer Patientin ohne Betäubung eröffnet und dann mit den Fingern ausdrückt. Das ist derartig eindrucksvoll, daß man es beim schlechtesten Willen nicht als Taschenspielerei erklären kann.

Der Chirurg Prof. Denck sah sich das mit wütendem Gesicht an (er wurde während der Szene ins Bild gebracht). Hinterher fragte ihn der Gesprächsleiter, was er denn als Chirurg dazu sagen wolle. Da geriet Denck völlig aus der Fassung und wurde ausfallend mit folgenden Worten:

"Was Sie uns hier gezeigt haben ist ein chirurgischer Schwindel. Eine Balggeschwulst wird mit einem Skalpell aufgemacht, genau so wie hier, entfernt genau so wie hier. Was ist das Besondere, was Sie uns hier gezeigt haben? Nicht nur, daß er unsteril war, daß er den Dreck seiner Finger hineingeschmiert hat. Aber mehr haben Sie uns nicht gezeigt. Was anderes machen wir auch nicht. Erzählen Sie uns nicht solchen Blödsinn. So etwas können Sie mir nicht zeigen. Was Sie da gezeigt haben, ist ein so aufgelegter Schwindel. Ich bin ein Patriot, und ich weiß aus meinem Beruf, daß gerade die Bundesdeutschen, und Sie sind ihrem Akzent nach ein Bundesdeutscher, an solchen Mumpitz glauben, verklärt glauben. Sie haben Wunderheiler in der Bundesrepublik tausendmal mehr wie wir in Österreich. Wir haben Gott sei Dank ein Gesetz dagegen. Und das ist eine Schwäche der Bundesdeutschen, daß sie solchen Mumpitz glauben. Da bin ich Patriot genug, da sind wir Österreicher ein bissel vernünftiger. Das kann ich nicht ernst nehmen."

In seiner Wut hat der Chirurg gar nicht bemerkt, was er da eigentlich gesagt hat, nämlich, daß er und seinesgleichen auch nur unsteril den Dreck ihrer Finger in die Wunde schmieren.

Es ließ sich voraussehen, daß hier keine Einigkeit zu erzielen sein würde. Aber ich konnte das Publikum auffordern, sich nach den vorgetragenen Argumenten selbst ein Urteil zu bilden. Als Hilfe dazu bot ich ein Merkblatt mit Literaturhinweisen an, das beim ORF angefordert werden konnte. In den nächsten drei Wochen machten 50 Zuschauer Gebrauch davon.

In einer österreichischen Fernsehkritik vom 27. März 1982 war zu lesen:

"Emotionelle Ausbrüche und intellektuelle Kühle vermischten sich unter der angenehm distanzierten Leitung von Anton Pelinka zu einer Sendung, die informativer und packender war als alle Berichte, die uns in den letzten Monaten vorgesetzt wurden."

Ein halbes Jahr später, am 25. Oktober 1982, erfolgte im deutschen Fernsehprogramm Südwest 3 die Aussendung des Filmes von Theo Ott "Der heilende Schock". Damit wurde dem deutschen Fernsehpublikum erstmals sachliche und wohlwollende Information über die philippinischen Heiler vermittelt.

Doch seine Wirkung war nicht von langer Dauer.

 

Schon sechs Tage später, am 31. Oktober, erfolgte der Gegenschlag des Zweiten Deutschen Fernsehens. Er wurde durchgeführt in der Sendereihe "Querschnitte" durch den Wissenschaftsjournalisten Prof. Hoimar v. Ditfurth (gest. 1989) mit dem Filmbeitrag "Das Geschäft mit dem Wunder". Dieser Psychiater und Neurologe hatte sich schon in früheren Sendungen als Gegner der Parapsychologie und anderer Randwissenschaften hervorgetan.

Für seine Vorgehensweise ist folgendes bezeichnend:

Am 14. November 1977 hatte sich Ditfurth in einer "Querschnitt-Sendung" des ZDF über die Astrologie hergemacht, sie zum reinen Aberglauben erklärt und ihr jede Wissenschaftlichkeit abgesprochen. In Fortsetzung dazu wurde am 4. März 1978 ein Streitgespräch zwischen Ditfurth einerseits und drei Astrologen andererseits gesendet. Einer der Astrologen war Hartmut Kröncke aus Freiburg. Diesem bot der Professor eine Wette folgenden Inhalts an: Kröncke sollte über fünf Paare mit genau gleichen Geburtsdaten, die Ditfurth auswählen wollte, Gutachten anfertigen, die den Werdegang der jeweiligen Person wiederzugeben hatte. Dabei sollten die Versuchspersonen zueinander in Kontrast stehen, z. B. eine Person ein körperliches Gebrechen haben, die andere aber gesund sein. Wenn Krönckes Gutachten mit der Wirklichkeit übereinstimme, sollte er 10.000,- DM erhalten, wenn er unrecht behalte, solle er 1.000,- DM zahlen. Kröncke nahm diese Wette an. Doch kam es nicht zur Austragung, denn Ditfurth erklärte am 17. Mai 1978 im Südwestfunk, daß sich Kröncke aus fadenscheinigen Gründen aus der Sache zurückgezogen habe.

Gegen diese Behauptung klagte der Astrologe vor dem Landgericht Freiburg und gab an, Ditfurth habe den Wettinhalt im Anschluß an die Sendung vom 4. März erheblich verändert, und zu dieser veränderten Wette habe er sich nie bereit erklärt.

Für die Darstellung dieses Falles liegen mir drei Zeitungsberichte vor, die in den Einzelheiten des Wettinhaltes nicht genau übereinstimmen, im Urteilsspruch jedoch identisch sind.



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