Psychowissenschaftliche Grenzgebiete
 
Thema: Der Einfluss der Trauer auf Verstorbene (1)


   

1. Der Sinn der Trauer

Trauer ist die seelische Antwort auf einen erlittenen Verlust, z. B. eines Gegenstandes oder eines Menschen. Trauer ist eine Gemütsbewegung wie Freude, Angst, Wut usw. Wie alle Gemütsbewegungen dient auch die Trauer der Lebensbewältigung, in diesem Falle dem Ziel, in der durch den Verlust veränderten Welt wieder einigermaßen normal leben zu können. Sie ist also ein Heilungsprozeß, der allerdings eine Narbe hinterlassen kann.

Die Trauer fängt oft, besonders wenn es sich um den Tod eines geliebten Menschen handelt, mit einem Schock an. Man kann das, was geschehen ist, nicht annehmen, will es unterbewußt oder bewußt nicht wahrhaben. Erst allmählich paßt sich der Trauernde der neuen Wirklichkeit an. Er wird schließlich dankbar für das, was er hatte, auch wenn es unwiederbringlich verloren ist. Wenn er sich auf diese Weise neu in das Leben eingefügt hat, ist die Trauer erfolgreich beendet. Diese Betrachtungsweise ist rein irdisch auf den Trauernden und seine Belange bezogen, ist reine Psychologie.
 
 

Aber welche Auswirkungen hat die Trauer auf einen verstorbenen Menschen, um den getrauert wird?
 
 

Kann man ihn außerhalb jeder Betrachtung lassen?
 
 

Trauer ist ja wie jede Gemütsbewegung eine besondere Form der Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn, besteht also letztenendes aus einer Aneinanderreihung von Gedanken. Und diese können ausstrahlen, können andere Wesenheiten, irdische und nichtirdische, beeinflussen.
 
 
 
 

2. Das Wesen des Todes

Die heutigen Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, haben in den letzten Jahrzehnten sehr bedeutsame Erkenntnisse über unsere Umwelt und unseren menschlichen Körper geliefert. Aber alle herkömmlichen Wissenschaften enden bislang beim oder am Tode des Menschen. Geburt und Tod werden als Beginn und Ende einer menschlichen Existenz angesehen. Die Menschen wissen aber im allgemeinen nicht, warum sie diese Strecke zwischen den angeblichen Endpunkten durchlaufen. Die Geburt wird dabei meist als freudiges Ereignis angesehen, der Tod dagegen als unbarmherziger Vernichter. Vor ihm fürchten sich die Menschen, wenn sie ihn auf sich zukommen sehen. Der Tod bedrückt sie aber auch, wenn er nahe Familienangehörige oder gute Freunde betrifft. Viele Menschen geben sich dann ganz dem Schmerz hin, d. h. sie bemitleiden den Verstorbenen und vor allem sich selbst. Manche verzweifeln sogar am eigenen Leben, halten ihr Dasein für sinnlos und versuchen sich umzubringen.

Besonders tritt so etwas in Erscheinung, wenn Mütter einzige Kinder oder Ehegatten den vertrauten Partner verlieren. Die Trauer über den Verlust und die Sehnsucht nach dem fortgegangenen geliebten Menschen ist dann grenzenlos. Tag und Nacht können sich die Gedanken eines solchen Trauernden in unsäglichem Schmerz auf den Verstorbenen richten und ihn zurückwünschen. Sie machen sich aber dabei keine Gedanken, welche Rückwirkungen möglicherweise auf den Verstorbenen entstehen. Sie sind der Meinung, der ist ja tot, der spürt nichts mehr.

Aber bedeutet der Begriff "tot", daß der Verstorbene überhaupt nicht mehr vorhanden ist, daß sein geistiges Leben unwiderruflich erloschen ist, und daß er nichts mehr von dem spürt, was auf dieser Erde geschieht? Diese Auffassung teilen heutzutage vielfach sogar Theologen. Ein evangelischer Pfarrer meiner früheren Gemeinde sagte mir einmal bei einer Diskussion über dieses Thema:

"Der Tod ist für mich ein schreckliches Ereignis. Er ist für mich die völlige Vernichtung der menschlichen Existenz durch Gott."

Ich antwortete ihm damals:

"Der Tod ist für mich überhaupt kein schreckliches Ereignis. Er ist für mich die Beendigung eines Lebensabschnittes und der Beginn eines neuen, das Hinübergehen in eine andere Welt und das Betrautwerden mit neuen Aufgaben. Der Tod ist vergleichbar mit dem Abschluß einer irdischen Schulausbildung und dem Verlassen des Elternhauses und dem Übertritt in das Berufsleben. Auch das ist mit einer gewissen Trennung von dem bisherigen Lebenskreis verbunden, aber es ist keine Katastrophe."
 

 

 

3. Erkenntnisse aus der Parapsychologie

Was aber berechtigte mich zu einer solchen Aussage?

Es sind die Forschungsergebnisse einer verhältnismäßig jungen Wissenschaft, die wir heute Parapsychologie nennen. Sie befaßt sich mit Vorgängen, die am oder im lebenden Menschen oder in seiner Umgebung stattfinden und auf eine noch unbekannte Weise mit dem menschlichen Geist oder mit dem Phänomen, das wir "Leben" nennen, zusammenhängen. Dabei sind diese Vorgänge derart, daß sie sich nicht in die herkömmliche Psychologie oder Physiologie oder Physik einordnen lassen. Man bezeichnet diese Vorgänge daher als paranormal, nach dem griechischen Wort pará = neben, daneben, darüber hinaus. Diese Wissenschaft greift über die bestehenden Naturwissenschaften hinaus, versucht sie zu erweitern. In der Parapsychologie wird unter anderem auch die Frage nach der Herkunft und dem Ziel des menschlichen Lebens untersucht und eine Antwort darauf gegeben, ob der Tod wirklich das Ende des menschlichen Lebens ist.

Die Parapsychologie hat im Verlauf von etwa 140 Jahren eine Fülle von Indizien- und Erfahrungsbeweisen für das persönliche Überleben des Todes geliefert (6; 10; 11). Sie hat gezeigt, daß der immer wieder nachgesprochene Satz: "Von den Verstorbenen ist noch keiner wieder zurückgekommen", in strenger Auslegung einfach falsch ist. Die Forschungsergebnisse der Parapsychologie zeigen, daß eine unmittelbare Nachrichtenverbindung zu Verstorbenen unter bestimmten Bedingungen möglich ist (12), ja, daß manchmal ein Verstorbener für kurze Zeit auf dieser Erden wieder sichtbar, fühlbar, fotografierbar und ansprechbar in Erscheinung treten kann (10; 11). Derartige Vorgänge haben sich in der Zeit zwischen 1850 und 1950 zehntausende von Malen ereignet. Bei dem dänischen Materialisationsmedium Einer Nielsen (1889 -1951) geschah das im Verlauf von 50 Jahren etwa 17.000 mal.

Diese Tatsachen sind wegen ihrer Außergewöhnlichkeit und ihrer weitreichenden geistigen Folgen auf unser jetziges und möglicherweise zukünftiges Leben von vielen Menschen, die meist nur oberflächlich davon erfahren haben, auf das heftigste bestritten und bekämpft worden. So etwas darf einfach nicht wahr sein. Die weitverbreitete Auffassung, daß das Leben mit dem Tod beendet ist und weder Gott noch Christus als sein Sohn als jenseitige geistige Wesen tatsächlich vorhanden sind, hat sich erst in der Neuzeit durch die sogenannte Aufklärung im 18ten Jahrhundert durchgesetzt. Erst damals haben Nichtfachleute, nämlich Philosophen und Politiker, völlig falsche Schlüsse aus den Erfolgen der voranschreitenden Naturwissenschaften gezogen und das Gedankengebäude des Materialismus und Atheismus geschaffen. Vorher war es allgemeines Wissensgut, daß nach dem materiellen Tode des Menschen etwas von ihm fortbesteht, das man die Seele des Menschen nannte, etwas, was für uns zwar unsichtbar, aber aus andersartiger Substanz eines anderen Daseinsbereiches menschenähnlich gestaltet ist, und in dem die Persönlichkeit fortbesteht.

Die folgenden Berichte gehen davon aus, daß sich beim Tode des Menschen gemäß den Forschungsergebnissen der Parapsychologie ein sogenannter feinstofflicher Leib oder Astralleib von seinem irdischen materiellen Körper trennt, in einen anderen, jenseitigen Daseinsbereich übertritt und dort sein Leben fortsetzt. Außerdem ist ein Nachrichtenaustausch zwischen dem diesseitigen und dem jenseitigen Daseinsbereich unter bestimmten Voraussetzungen möglich, der uns Schilderungen über die Erlebnisse und Gefühle von Verstorbenen Auskunft geben kann (13). Die Berichte werden zeigen, daß sehr starke Gedanken von Menschen dieser Erde Verstorbene erreichen können und sie entweder froh oder tieftraurig stimmen und sie dann auch in ihrer weiteren Fortentwicklung fördern oder hemmen.
 
 
 
 

4. Frühes Wissen

Das Wissen um diese Tatsache war in früheren Zeiten auch einzelnen Menschen bekannt und fand seinen dichterischen Niederschlag in dem Märchen "Das Tränenkrüglein". Seine Ausdrucksweise erscheint uns heute zwar sehr gefühlsbetont und seine Sprache nicht mehr zeitgemäß, aber der geschilderte Sachverhalt könnte sich tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben oder heute noch abspielen.

Das Märchen lautet:

"Es war einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte das Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen und konnte ohne das Kind nicht leben und nicht sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit. Die wütete unter den Kindern und erfaßte auch jenes Kind, daß es auf sein Lager sank und zu Tode erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kinde, aber es starb. Da erfaßte die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie aß und trank nicht, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören und rief nach ihrem Kinde.

Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Tür auf, und die Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Das war ein seliges Engelein geworden und lächelte süß wie die Unschuld und schön wie in Verklärung. Es trug aber in seinen Händen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: 'O lieb Mütterlein, weine nicht mehr um mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast; der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinst, so wird das Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grabe und keine Seligkeit im Himmel. Darum, o lieb Mütterlein, weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohl aufgehoben, ist glücklich, und Engel sind seine Gespielen.' Damit verschwand das tote Kind, und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe und Himmelsfrieden nicht zu stören."
 
 
 
 
 

5. Mediale Mitteilungen

Die Annahme, daß sich die in dem Märchen geschilderte Begebenheit tatsächlich einmal so ähnlich abgespielt haben könnte, gründet auf Mitteilungen Verstorbener, die entweder selbst durch die starke Trauer ihrer zurückgelassenen Angehörigen festgehalten wurden oder aber die als Geistwesen in der jenseitigen Welt entsprechende Beobachtungen an anderen Verstorbenen machen konnten. Dazu möge ein erster Bericht dienen, den eine Wesenheit, die angab 1925 in Schottland verstorben und in der jenseitigen Welt zum Lehrer für uns Menschen ausgebildet worden zu sein und sich uns Menschen gegenüber Josef nannte 1965 durch den Mund des Züricher Mediums Beatrice Brunner (1910-1983) an seine Zuhörer durchgab. Er lautet (20, S. 263):

"So bringe ich euch ein Bild von meinem Erleben und meiner Aufgabe in der geistigen Welt: Ich begegnete einer Seele, die sehr traurig und im Begriff war, in das Haus ihrer Lieben auf Erden zurückzukehren. Ich begleitete sie, und dort angekommen, fragte ich sie: 'Was willst du hier in diesem Haus?' Und sie antwortete: 'Siehst du nicht, daß man jeden Tag über mich weint und von mir spricht? Ich hätte hier doch noch so vieles zu erledigen, und ich spreche so viel mit meinen Kindern und zu meinem Mann, doch sie hören mir nicht zu. Ich habe nur Gelegenheit, mich mit ihnen zu unterhalten, wenn sie schlafen, aber tagsüber befolgen sie meinen Rat doch nicht. Immer sind sie traurig und weinen mir nach. So bin ich nicht fähig, dieses Haus ganz zu verlassen, denn mit jeder Träne, die sie um mich vergießen, ziehen sie mich wieder in ihr Haus zurück und binden mich um so fester daran. Was soll ich denn nur tun?'

Da riet ich ihr: 'Komm, begleite mich, du sollst nun dieses Haus nicht wieder betreten.' Die Seele wollte mir aber nicht gehorchen und zeigte mir die viele Arbeit und Not im Hause. Doch ich sprach ihr zu: 'Du kannst auf andere Weise mit deinen Lieben verbunden sein. Begleite mich einmal!'

Sie folgte mir, und ich konnte sie durch himmlische Gärten führen, wobei ich versuchte, ihr alle die verschiedenen Blumen und die Herrlichkeit, die daselbst zu erleben waren, mit großer Geduld zu erklären. Darüber hatte sie ihr irdisches Haus etwas vergessen, doch bald fühlte sie sich wieder von ihren Lieben angezogen. So sprach ich auf sie ein: 'Kehre nicht zurück! Bringe alle deine Liebe, die du noch für deine Hinterlassenen empfindest, allen Geschwistern in der geistigen Welt entgegen. Betreue sie mit der gleichen Liebe, die du noch für deinen Mann und deine Kinder empfindest.'

Damit führte ich sie zu jenen Seelen, die noch nicht in den Heilsplan Gottes eingereiht waren, die teils noch müßig und teils auch traurig einhergingen. Und so gehorchte sie mir und überbrachte vielen dieser unglücklichen Seelen die Liebe, die in ihr war. Nachdem sie diese Aufgabe erfüllt hatte, begleitete ich sie in ihr irdisches Haus zurück. Nun konnte sie diesem größeren Segen und größere Kraft übermitteln, und so hatten auch ihre Lieben den Weg in ihrer Welt wiedergefunden.

Denn indem diese Mutterseele ihre Liebe anderen Seelen zuwendete, trugen Engel Gottes, die sie beobachtet hatten, durch die Güte Gottes diese Liebe zugleich auch in ihr Haus zu ihren Lieben. Welch großes Glück war es für diese Seele, als sie dieses sah! Nun hatte sie den Schmerz der Trennung ganz abgelegt, und sie lebt nun glücklich auf in der geistigen Welt in ihren Aufgaben, die ihr zugewiesen wurden."
 
 
 
 

6. Trauer beeinflußt das Sterben

Durch sehr schnell einsetzende und übermäßige Trauer kann sogar der Vorgang der Sterbens beeinflußt werden. Der folgende Fall ereignete sich bei dem Grazer Medium Maria Silbert, die von 1866 bis 1936 lebte. Unter Leitung eines jenseitigen Wesens, eines sogenannten Kontrollgeistes, der sich Nell nannte, ereigneten sich durch sie und in ihrer Nähe mehr als 25 Jahre lang eine Vielzahl paranormaler und sehr beeindruckender Geschehnisse. Eine Vielzahl von Verstorbenen bekundete sich durch ihren Mund.

In bezug auf den Kontrollgeist und Verursacher der meisten Erscheinungen konnte man durch Nachforschung in Erfahrung bringen, daß es sich um den im 17ten Jahrhundert auf dieser Erde gelebt habenden Franziskanermönch und späteren General dieses Ordensnamens Vincentius Coronelli handelte. Er gab als Motiv für sein jahrelanges und aufsehenerregendes Handeln an:

"Ich habe die Allmacht gebeten, in einer Zeit, in der die Welt im tiefsten Materialismus liegt, wiederzukommen, um Beweise von einem Jenseits zu geben. Tage steigen herauf, die eure Kraft vonnöten haben. Arbeitet in meinem Sinn. Was ich vor Jahrhunderten gelehrt und nicht vollenden konnte, das vollendet ihr."

Um Frau Silbert scharte sich ein Kreis von Menschen, der regelmäßig zusammenkam. Ein Berichterstatter, der Ingenieur Rudolf Sekanek, schreibt (16, S. 76):

"Herr W., ein hoher Eisenbahnbeamter und treuer Anhänger, war das einzige Kind seiner Eltern. Man erfüllte ihm jeden Wunsch. Abgöttisch wurde er geliebt, besonders von seiner alten Mutter. Sie lebten in schönster Harmonie, es gab keine Meinungsverschiedenheiten. Nur im Falle Silbert konnte sie ihren Sohn nicht verstehen. Sie sah in diesen Erscheinungen des Teufels Hand im Spiel und war durch ihren Sohn nicht zu überreden, auch nur einer einzigen Sitzung beizuwohnen. Herr W. bat Nell, er möge sie doch ein einziges Mal hierherführen. Nell versicherte, daß die Mutter zur rechten Zeit kommen und auch daran glauben würde.

W. kam nun längere Zeit nicht zu den Sitzungen, wie man annahm seiner Mutter wegen. Er war aber schwer erkrankt, und bald darauf erfuhr man durch die Zeitung von seinem Tod. Gleich begann er sich in den Sitzungen zu melden, und all sein Bitten galt nur, seiner Mutter zu helfen, die durch seinen Tod geradezu untröstlich sei, so daß er für sie das Schlimmste befürchtete.

Frau Silbert kannte seine Mutter gar nicht und auch sonst niemand in unserem Kreis. Eine 60jährige Dame besuchte Frau Silbert immer, wenn sie auf dem St.-Peter-Friedhof das Grab eines Freundes aufsuchte, um sich bei ihr ein wenig auszurasten und ein wenig zu plaudern. Eines Tages kam sie wieder und bat, eine bekannte Dame, die sie auf dem Friedhof traf und die draußen auf der Stiege wartete, hereinzubringen. - Frau Silbert willigte ein. Die Dame wurde hereingeholt und war in tiefer Trauer. Begrüßungen wurden gewechselt, jedoch keine Namen genannt und nur belanglose Gespräche geführt. Nach einer Weile begann es im Tisch ganz leise zu klopfen. Doch Frau Silbert tat, als ob sie nichts gehört hätte und erhob ihre Stimme, um das Klopfen zu übertönen. Es half nichts, auch die Klopftöne wurden lauter. Frau Silbert blickte zur fremden Dame, was diese wohl sagen würde, aber es schien, als hätte sie nichts gemerkt, denn sie saß still und blickte zu Boden. Ihr Gesicht war mit einem schwarzen Schleier bedeckt.

Das Klopfen wurde immer lauter, und die Regelmäßigkeit zeigte das Kommen eines Diktates an. Jetzt konnte Frau Silbert der fremden Dame die Sache nicht länger verheimlichen. Das Diktat wurde beendet, das Klopfen war vorbei. Man trennte die Worte und entzifferte den Sinn. Frau Silbert schüttelte den Kopf. Die fremde Dame schien aber diesen Sinn zu verstehen und bat weiterzulesen: '... nicht ausführen, was Du heute zu tun beabsichtigst. Du würdest Deinen Zweck nicht erreichen und Dich nur weiter von meinem Weg entfernen und Deine Seele einen anderen Weg nehmen.'

Die Dame erhob sich hastig, rannte in eine Ecke des Zimmers und begann bitterlich zu weinen. Frau Silbert konnte sich nicht zurechtfinden, war ganz verwirrt und fand keine Erklärung zwischen dieser Botschaft und dieser Dame in Trauer. Nun drehte sich die Dame um, zog ihren Schleier vom Gesicht und sprach unter Tränen: 'Ich verstehe diese Botschaft sehr gut, sie betrifft mich allein. Ich bin die Mutter des verstorbenen W.'

Frau Silbert war sprachlos. Frau W. wurde ruhiger, setzte sich wieder, seufzte und erzählte: Der Tod ihres Sohnes hatte sie all ihres Lebensmutes beraubt. Ihr Leid war zu groß, um es ertragen zu können. Die Zeit konnte nicht ihre Wunden heilen. Drei Monate nach seinem Tod fühlte sie sich noch so gebrochen wie am Todestag selbst. Sie besuchte das Grab am Vormittag, am Nachmittag und betete um ihren Tod. In ihrem argen Schmerz vergaß sie Haushalt und Gatten.

Als ihr Sohn den letzten Atemzug tat, fiel sie weinend auf die Knie und schrie wie rasend: 'Vergiß mich nicht, komm zurück, ich kann ohne dich nicht sein.' Nach diesem Befehl, der mit zitternder Willenskraft geäußert war, kehrte Leben in den Körper ihres Sohnes zurück, und er sprach zur Mutter: 'Warum rufst du meine Seele zurück, warum machst du die Freimachung so schwer, mißgönne mir nicht das Licht.' Dann sank er wieder zurück. Sie konnte die Worte nicht vergessen. Ihr Gram wurde immer größer.

Während sie so erzählte, schaute sie oft unter den Tisch, da sie berührt wurde, was sie aber nicht erschreckte. Nun fuhr sie fort: 'Ich hatte heute alles geordnet und mit meinem Leben abgeschlossen. Vormittags ging ich wieder zum Grab meines Sohnes. Heimgekommen setzte ich die Flasche mit Gift schon an die Lippen, wurde aber daran gehindert, weil die Tür von meinem Mann geöffnet wurde. Ich versteckte das Gift und ließ bei ihm gar keinen Verdacht aufkommen. Ich beschloß, abends meinen Plan auszuführen. Als ich daheim nichts mehr zu tun hatte, verbrachte ich noch die letzte Zeit am Grabe. Am Friedhof begegnete ich zufällig meiner Bekannten, die sich antrug, mich nach Hause zu begleiten. Sie ließ mich vor Ihrem Haus warten und führte mich dann hinein.

Ich kam hierher, ohne zu wissen und zu ahnen, wo ich mich befand. Ich konnte an nichts anderes denken als an den beabsichtigten Selbstmord. Jetzt erst wußte ich, daß ich mich im Hause der Frau Silbert befand, wovon mein Sohn so viel erzählte. Ich bin aufrichtig genug zu sagen, daß ich die Ansicht meinem Sohn gegenüber vertrat, daß Sie eine dunkle mysteriöse Frau seien, die mit Hilfe der bösen Mächte die Leute für sich gewann.

Vergeben Sie mir bitte das Unrecht, das ich Ihnen und meinem Sohn antat. Der Zufall brachte mich in Ihr Haus, welches ich nie betreten wollte. Sie und mein Sohn und eine andere Macht noch haben mich abgehalten, Hand an mich zu legen. Wie konnte es kommen, daß eine Absicht, von welcher ich nie sprach und die ich nur in der Tiefe meiner Seele ängstlich verbarg, mein Sohn erfahren konnte? Ich bitte Sie nochmals um Verzeihung.'

Wir waren tief ergriffen und empfanden großes Mitleid mit dieser armen Mutter, die durch ihren freiwilligen Tod mit ihrem Sohn vereint sein wollte. Wieder begann das Klopfen, und Frau W. fragte ihren Sohn, wo er sei und wo er war, als er ihren Kummer fühlte, und ob er wüßte, was geschehen wäre, wenn sie ihren Plan ausgeführt hätte.

Frau Silbert kam in Trance, und der Sohn sprach einfach zu seiner Mutter Worte, die wie Balsam auf ihre wunde Seele fielen. Er sagte ihr, daß bei Begehung des Selbstmordes sie sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht hätte und ihre Seele in finstere Regionen gekommen wäre, von seiner Seele weit entfernt. Sie hätte für dieses Verbrechen zu sühnen, denn niemand habe das Recht, sein Leben auch nur um eine Stunde zu verkürzen, und wörtlich sagte er: 'Warum weinst du um mich. Ich bin in lichten Sphären und bin glücklich, daß ich nichts mehr zu wünschen habe. Oder willst du mich wieder in das Tränental zurückbringen, daß ihr Erde nennt und nur die Hölle ist?

Die Macht deiner Gedanken zog mich noch einmal zurück in meine Erdengestalt, und es war doppelt schwer für mich, mich selbst wieder davon zu befreien. Du hast mich lange gebunden gehalten. Erfülle deine Pflicht auf Erden, und wenn die Stunde kommt, werde ich dich erwarten.'

Frau Silbert erwachte und sah eine ganz veränderte Frau vor sich. Aus ihren Augen blickte neuer Lebensmut, und sie schien mit neuer Tatkraft erfüllt zu sein. Mit Worten des Dankes nahm sie Abschied. Später kam sie mit ihrem Gatten, der Frau Silbert nicht genug danken konnte. Beide waren nun glücklich und über das Schicksal getröstet, das ihnen anfangs hart und grausam schien. Sie wurden fleißige Besucher und blieben mit ihrem Sohn in Verbindung."
 
 
 
 

7. Gebete verzögern das Sterben

Auch in dem folgenden Beispiel, das von dem amerikanischen Arzt Dr. Moody in seinem Buch "Leben nach dem Tod" geschildert wird, nehmen die Gedanken und vor allem Gebete Einfluß auf den Sterbevorgang. Moody schreibt (7, S. 88):

"In einigen wenigen Fällen haben Betroffene die Ansicht vorgebracht, sie seien unabhängig von ihren eigenen Wünschen durch die Liebe und die Gebete anderer aus dem Tod zurückgeholt worden."
 

Zum Beispiel in folgendem Fall:

"Während ihrer letzten Krankheit, die sich sehr lange hinzog, war ich bei meiner älteren Tante und half bei ihrer Pflege. Alle in der Familie beteten dafür, daß sie wieder gesund werden möge. Ihre Atmung setzte mehrmals aus, doch wurde sie immer wieder zurückgeholt. Eines Tages schließlich schlug sie die Augen auf und sagte zu mir: 'Joan, ich bin drüben gewesen, drüben im Jenseits. Es ist wunderschön dort. Ich will gerne dortbleiben, aber solange ihr darum bittet, daß ich hier weiter mit euch lebe, kann ich es nicht. Eure Gebete halten mich hier fest. Bitte, betet nicht mehr.' Wir ließen alle davon ab, und kurz danach starb sie."
 

Ein ähnliches Beispiel berichtet ein Arzt aus Utah/U.S.A. (8, S. 83):

"Ein fünfjähriger Junge, der an einem bösartigen Hirntumor litt, lag bereits seit drei Wochen im Koma. In dieser Zeit waren seine Familienmitglieder fast ununterbrochen bei ihm. Sie standen an seinem Bett und beteten fast ständig für seine Genesung. Zwischendurch legten sie nur kurze Pausen ein, um zu essen und auszuruhen.

Am Ende der dritten Woche kam der Pastor ihrer Kirchengemeinde ins Krankenzimmer und erzählte eine ungewöhnliche Geschichte. In einem Traum hatte der kleine Junge zu ihm gesprochen: 'Es ist Zeit für mich zu sterben. Sie müssen meinen Eltern sagen, daß sie nicht mehr um mein Leben beten sollen. Ich muß jetzt gehen.'

Nervös überlegte der Pfarrer, wie er der Familie die Botschaft weitergeben könne. Immer noch, sagte er, wirke sie so stark auf ihn ein, daß er sie nicht ignorieren könne. 'Es ist, als wenn er geradewegs hier im Zimmer stünde und mit mir von Angesicht zu Angesicht spräche.'

Die Familienmitglieder akzeptierten der Traum des Geistlichen als eine Botschaft ihres Jungen. Sie beteten, sie streichelten seinen leblos wirkenden Körper und sagten ihm, daß sie ihn vermissen würden, er aber nun sterben dürfe.

Plötzlich erlangte der Junge das Bewußtsein wieder. Er dankte seiner Familie dafür, daß sie ihn gehen ließ, und teilte ihnen mit, daß er sehr bald sterben werde. Er starb am nächsten Tag."
 
 

Vielleicht ist der wichtigste Aspekt dieses Ereignisses die erlösende befreiende Wirkung der Vision. Die Familie konnte ihre Trauer mildern, weil sie wußte, daß ihr Sohn bereit war zu sterben. Ihr Unwille, den Gang des Lebens und Gottes Willen hinzunehmen, wurde durch das mystische Ereignis verdrängt.

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