Psychowissenschaftliche Grenzgebiete
 
Thema: Giganten im All - II - (4)

       

8.0 Sprache ohne Worte

Links neben dem Podium befand sich eine leere Nische, ähnlich einem Erker, aber ohne Ecken. Überhaupt war auch hier alles abgerundet. Die Nische war ganz in Blau gehalten. War sie der unsichtbare Thron, den Mose für den "SITZ GOTTES" gehalten hatte? Wer weiß. Vielleicht war sie der Thron des "höchsten Gottes" der "Götter"?

Die Spannung war groß. Auch Martin war innerlich sehr gespannt. Dann begann die Musik. Es waren sphärenhafte Klänge wundervoller Streichinstrumente, die vom leisen, stoßweisen Rhythmus einer Art Trommel begleitet wurden. Unglaublich schön anzuhören.

Dann kam die Tänzerin. Sie war von ihrem Kinn bis zu ihren Füßen in einem seidenartigen Stoff eingehüllt, so daß nur Hände und Kopf zu sehen waren. Martin war ein wenig enttäuscht, denn die Tänzerin hatte er ganz anders erwartet, vor allem weil sie so vollkommen eingehüllt war. Martin saß direkt vor dem Erker, so daß er sie genau betrachten konnte, die nun in fast schwebenden Tanzschritten an ihm vorbeiglitt.

"Das ist der Kuma-Schritt", flüsterte NAMO Martin zu. "Dieser heilige Schritt ist sehr schwer zu erlernen.
Martin suchte mit seinem Blick die unvergleichlich schönen Augen der Tänzerin, die ja alle SANTINER besaßen. Martin erschrak! Diese Augen waren keine SANTINERAUGEN wie er sie kannte. Diese Augen waren starr und leblos und wirkten wie aus kalten Edelsteinen gemacht; sie waren unbeweglich und starrten in ein ungeheures Nichts -, vielleicht in das geheimnisvolle Nirwana? "Sehen Sie ihre Augen?" fragte NAMO leise.
"Ja", flüsterte Martin zurück. "Sie wirkt auf mich wie in Trance. Ist es eine Art von Selbsthypnose?" "Nein. Sie ist gewissermaßen 'somnambul'(-3-). Das Übersinnliche hat sich ihrer bemächtigt. Sie hat Kontakt zu HÖHEREN WESEN, die sie jetzt als Werkzeug benutzen", flüsterte NAMO.   Der Rhythmus der Musik verstärkte sich, schwoll immer mehr an und wechselte dabei ständig das Tempo. Nun stand die Tänzerin auf der Mitte des Podiums. Ihre Augen, von dem Umfeldlicht wie magisch beleuchtet, starrten unbeweglich in eine unendliche Ferne. Plötzlich ging ein heftiger Ruck durch ihren Körper. Mit einer einzigen blitzschnellen Bewegung flogen die Seidentücher nach beiden Seiten auseinander und sie stand in einem edelsteinbesetzten, phantastisch anzuschauenden Kostüm, das ihre Haut fest umschloß, da. Sie war gut geformt, von einer leichten Üppigkeit, die sehr gut zu ihr paßte. Die exotische Hautfarbe ihres schönen und makellosen Körpers war bronzeartig, mit einem Hauch ins Olivenfarbene.

Martin fühlte sich um zweitausend Jahre zurückversetzt. Es war ein heiliger Tanz, der jetzt vor seinen Augen stattfand. Ein Tanz einer Salome. Etwa so, wie jene berühmte Salome vor Herodes getanzt hatte, so wie eine Herodias, durch den erotischen Tanz erregt, das Haupt des Täufers herunterschlagen ließ durch den König, der seiner Sinne nicht mehr mächtig war. So faszinierte die außerirdische Tänzerin den Erdengast. MUMTASEE sollte ja bei diesem Tanz unter einer HÖHEREN MACHT stehen. Dieser Tanz war gleich dem indischen "Indra-Natsch", diesem heiligsten Tanz für den indischen Nationalgott.

Diese Tänzerin tanzte nicht für die Zuschauer, nicht für den irdischen Gast, sondern für den GROSSEN GEIST aller Geister.

Sie tanzte für ihren SCHÖPFER!

Und alle Anwesenden durften aus reiner Gnade daran teilnehmen.

Alle Muskeln am Körper der Tänzerin zitterten. Ihr Körper geriet in Zuckungen und ihr Kopf bog sich weit nach hinten. Unsichtbare, machtvolle ARME schienen sie zu halten. Martin traute seinen Augen nicht, denn was er sah, stand gegen alle physikalischen Gesetze der Schwerkraft. Die Tänzerin begann zu Levitieren! Sie begann sich schwebend in die Luft zu erheben! Es war Martin, als ob ein unsichtbarer AKTEUR sie an sich zu reißen schien, um ihr das Blut aus den Lippen zu küssen. Sie wehrte sich, aber sie war nicht stark genug. Der Sinnesrausch des zeugungsreifen Weibes warf sie in die Arme des UNSICHTBAREN.

Doch WER war es, der mit ihr tanzte?

Das blieb ihr Geheimnis.

Ein Schauer überfiel Martin, so daß er sich unwillkürlich duckte, denn so stark war die Sinnesübertragung, die jeder Anwesende spürte.

Das war kein Tanz mehr! Das war eine außerirdische Rhapsodie vom Leben und Sterben, vom Vergehen und von der Reinkarnation des Menschen.

Mit enormer Erotik bog und wand sich die schöne, hochbegabte Tänzerin hin und her. Martin kam es vor, als sei sie eine Gefangene in den ARMEN eines unsichtbaren GOTTES, der sie mit SEINEN HÄNDEN dirigierte. Ein faszinierender LIEBESRAUSCH schüttelte den Körper der Tänzerin bis hin zur Ekstase, die jeder Anwesende innerlich spürte. Das begnadete Mädchen tanzte mit jeder Faser ihres Körpers, mit jedem Hauch ihrer Seele, ja mit überirdischen, weltfremden MÄCHTEN in ihrer Seele. Sie tanzte und verkörperte die LIEBE, die Zeugung, die Empfängnis und die große SCHÖPFUNG im All. Ihre Hände verschränkten und bogen sich gegen alle anatomischen Begriffe. Sie schrieb mit den Fingern Zeichen in die Luft, die sie aus der Vierten Dimension hervorzauberte. Und so unsichtbar diese Schriftzeichen auch waren, jeder konnte sie lesen. Mit unaussprechlicher Ausdruckskraft schleuderte sie den Anwesenden ihre geheimnisvollen Symbole und Botschaften entgegen. Eine Sprache der Mimik, die jeder begriff. Eine internationale, universelle Sprache, die jeder verstand, ganz gleich, welchem Planeten er angehörte.

Das war überirdisch, jenseits der Materie, ein Phänomen, wie es Martin noch nie in seinem Leben gesehen hatte!

Die Tänzerin riß sich die Edelsteine vom Kleid und warf sie verächtlich in den Saal. -

Martin war vollkommen erstarrt, fast gelähmt, daß er kaum zu atmen wagte. Diese unheimliche Zeichensprache war eine einmalige Offenbarung, sie war eine Predigt ohne Worte. Diese Offenbarung sagte nein, sie schrie:
 
 

ALSO SPRICHT GOTT, DEIN HERR!

ICH BIN JAHWE, der SCHÖPFER allen Seins! Ich bin ALLAH!

ICH BIN die LIEBE und das LEBEN!

ICH BIN der ANFANG und das EWIGE!

ICH BIN das WISSEN und die ERFAHRUNG!

ICH BIN die SCHÖNHEIT und der FORTSCHRITT!

ICH BIN die HARMONIE und das GEFÜHL!

ICH BIN das AUGE und das OHR!

ICH BIN das BEWUSSTSEIN der Natur!

ICH BIN die SEELE aller Seelen!

ICH BIN die EXISTENZ, neben der es nichts Höheres mehr gibt!
 
 

Das war kein irdischer Nackttanz, keine Varietétanzdarbietung. Das war vollkommene Kommunikation mit den MÄCHTEN der Magie, der Faszination. Spiritus sanctus acta. Göttlicher und zugleich dämonischer Bann. Ein Kunstwerk stummer Rede.

Ein Berg, eine Landschaft kann überwältigen. Ein Tempel, eine Pagode, eine hohe Kathedrale kann eine heilige Stimme im Menschen wachrufen. MUMTASEE, die außerirdische Tänzerin vom Alpha Centauri, die Künderin und Verkünderin der objektiven WAHRHEIT, drückte in ihrer 'Besessenheit' die STIMME des SCHÖPFERS aus. Ihre Gebärden und Gesten waren ein Mene- mene, tekel, u-pharsin, das vor den Augen der verzauberten Zuschauer mit unsichtbarem Feuer in die Luft geschrieben wurde. Es waren Zeichen der Urschrift, der Bilderschrift, ja vielleicht sogar Sanskrit. Es waren gewaltige Hieroglyphen, und das Wunderbare daran war, daß diese gottverkündenden Zeichen von jedem der Anwesenden selbst verdolmetscht und verstanden wurde, verstanden mit der inneren Bereitschaft einer suchenden Seele. Noch immer tanzte die außerirdische Tänzerin ihre Bilder- und Gebärdenschrift. Sie tanzte die Worte:

ICH BIN der GOTT aller Götter!

ICH TRAGE das Universum in meiner rechten Hand!

ICH BIN der HERR aller Welten und niemand wird es ändern!

ICH BIN GOTT!

Wie von einem Blitz getroffen, stürzte die Tänzerin zu Boden.

Im Saal herrschte tiefes Schweigen.

"Jetzt folgt die eigentliche Meditation", flüsterte NAMO ihrem Erdengast zu. "Versuchen Sie an nichts zu denken. Schalten Sie vollkommen ab."   Martin versuchte seine Gedanken auszuschalten. Aber das war eine schwierige Sache, denn immer wieder kamen neue Gedanken, die auf ihn einstürmten. Auch wenn er sie alle verwarf und nicht zu Ende dachte, so waren immer sofort neue Gedanken da, die auf ihn zukamen. Jetzt erkannte Martin, wie schwer eine solche Versenkung war, und daß man die Fähigkeit dazu mit einigen Versuchen nicht erreichen konnte, sondern daß eine lange und anstrengende Übung dazu erforderlich war. Seine Gedanken ließen sich einfach nicht verdrängen; also mußte er den Versuch machen, sie wenigstens in eine andere Richtung zu bringen; er mußte sie kontrollieren lernen und alles ausschalten, was nicht in diese Richtung paßte. Er begann seine Meditationsübung von neuem...

Wieder erklang die herrliche Musik.

Die meditative Andacht war zu Ende.
 
 

"Das war eine ungeheure Fülle von neuen Eindrücken, von neuem Wissen und Erfahrungen, die auf mich einwirkten", sagte Martin ergriffen. "Es ist für mich ganz unmöglich, daß ich das alles behalten kann. Die Erdenmenschheit wird leider nur sehr wenig von meinen Berichten profitieren können."

"Kein Grund zur Sorge", antwortete NAMO. "Am Ende Ihres Aufenthaltes bei uns erhalten Sie eine Suggestion, so daß Sie alles Erlebte genau behalten und sich an alles erinnern können."
 
 
Martin nickte nur, im Augenblick war alles zuviel für ihn. Er ahnte, daß ihm noch allerlei bevorstand.

Die Schwerkraft im Raumschiff mußte sich wieder verändert haben. Martin ging wie in einem Taumel. Er wußte, daß die Schwerkraft im Raumschiff künstlich erzeugt wurde. Als er über MUMTASEE nachdachte, mußte er feststellen, daß er sich in dieses Mädchen verliebt hatte. Eine Liebe, ganz plötzlich und spontan, zu einer Außerirdischen. Er hatte das Gefühl, als ob ein gewöhnlicher Bürger eine Prinzessin zur Frau begehrte.